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Am Ende der Macht - Abschied von der Politik

Montag, 06. November 2017, 22:00 bis 22:45 Uhr

Jäger aus Leidenschaft: Schleswig-Holsteins ehemaliger Ministerpräsident Peter Harry Carstensen führt Reinhold Beckmann zu seinem Lieblings-Hochsitz. Dort hat er sich früher als Politiker von seiner Arbeit erholt: „Hier kann ich stundenlang sitzen. Und dann muss man lernen, nicht zu denken. Den Tag wegzuschieben.“ © NDR/beckground tv GmbH, honorarfrei

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Es ist ein tiefer Einschnitt - beruflich wie privat: Wenn Spitzenpolitiker nach Jahren im Zentrum der Macht aus der Politik aussteigen oder nicht mehr wiedergewählt werden, stehen sie plötzlich nicht mehr im Scheinwerferlicht.

Privilegien wie Fahrdienst oder Diplomatenpass sind Vergangenheit, ihre öffentliche Bedeutung schwindet schnell. Wie gehen sie mit dem Verlust von Macht um? Und wie finden sie sich im Alltag zurecht?

Einblicke ins Privatleben von Polit-Pensionären

Drei norddeutsche Spitzenpolitiker gewähren Einblicke in ihr neues Leben und den Politikbetrieb in Deutschland. Reinhold Beckmann und seine Co-Autoren Simon Huber und Wolfgang Klauser haben Marieluise Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Jan van Aken (Die Linke) und Peter Harry Carstensen (CDU) mehrere Wochen lang mit der Kamera begleitet. Sie beobachten sie in unterschiedlichsten Situationen, sind auch in privaten Momenten dabei und zeichnen hierdurch ein sehr persönliches Bild der drei Polit-Pensionäre, die kein Blatt mehr vor den Mund nehmen müssen.

Persönliche Freiheit statt Privilegien

Peter Harry Carstensen: Beschäftigt mit der Jagd und vielen Ehrenämtern

Der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen entschied sich 2012 für den Ruhestand. Selbst Angela Merkel konnte ihn damals nicht mehr umstimmen: "Ich glaube" erinnert sich Carstensen, "es fiel sogar die Äußerung: 'Du bist ein sturer Bock.'"

Heute leben Carstensen und seine 24 Jahre jüngere Frau Sandra im alten Forsthaus des idyllischen Guts Schierensee bei Kiel. Carstensens Terminkalender ist nach wie vor gut gefüllt: Die Jagd, seine Hunde, viele Ehrenämter und Einladungen halten ihn auf Trab. Obwohl nicht mehr im Amt, wirkt und agiert Carstensen immer noch wie ein Landesvater - aber als einer zum Anfassen.

Marieluise Beck: Im Einsatz für Osteuropa-Themen - und im Schrebergarten

Mit Marieluise Beck verabschiedet sich eine Grüne der ersten Stunde aus dem Bundestag. Sie war schon 1983 dabei, als die Grünen zum ersten Mal ins Parlament einzogen. Mit den Alphatieren Joschka Fischer und Otto Schily lieferte sie sich damals regelmäßig heftige Wortgefechte und galt nicht nur deshalb als unbequem. So stimmte Beck 1995 im Bundestag für einen UN-Einsatz in Bosnien - gegen die große Mehrheit ihrer eigenen Fraktion: "Der Bosnienkrieg hat mir gezeigt, wie ich auf die Welt schauen muss, dass es das reale Böse gibt."

Marieluise Beck hat auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag verzichtet. In ihrem Bremer Landesverband hätte sie keine Chance mehr auf den ersten Listenplatz gehabt. Nun verbringt sie mehr Zeit in ihrem Bremer Schrebergarten. Von der Politik kann Beck trotzdem nicht lassen - vor allem Osteuropa-Themen bedeuten ihr viel: Nur wenige Tage nach ihrer letzten Bundestagssitzung begleitet Reinhold Beckmann die 65-jährige Beck an die Frontlinie im Osten der Ukraine: "Es ist mir unendlich wichtig, dass wir das Land nicht fallen lassen und es wirklich die Chance bekommt, sich zu entwickeln."

Jan van Aken: Überlegt den nächsten beruflichen Schritt

Mit der Ankündigung gleich zu Beginn seiner Abgeordnetenlaufbahn, nur zwei Legislaturperioden in Berlin bleiben zu wollen, zählt der Linken-Politiker Jan van Aken eher zu den Ausnahmen im Berliner Politikbetrieb. Viele Freunde hat er sich in den vergangenen acht Jahren dort nicht gemacht. Aufgrund seiner forschen, teilweise als aggressiv empfundenen Auftritte im Bundestag und in den Ausschüssen galt er bei einigen Politikern anderer Parteien als Nervensäge.

Der Abschied aus dem Parlament fällt van Aken nicht schwer. Kritik übt er vor allem am Debattenniveau. "Die Leute lesen vorgefertigte, schlechte Sprechzettel auch noch schlecht vor. Ich schäme mich richtig dafür." Wo er zukünftig arbeiten möchte, weiß der Hamburger noch nicht. Van Aken, früher für Greenpeace und als UN-Waffeninspektor tätig, könnte sich sogar vorstellen, ein Praktikum zu machen oder auf einem Schiff für sechs Monate rumzuschippern.

"Am Ende der Macht" ist nah dran an drei grundverschiedenen Politikern, die aber trotzdem eine Gemeinsamkeit teilen: Sie müssen lernen, mit dem Verlust ihres alten, prestigeträchtigen Berufs umzugehen. Wem gelingt der Weg ins normale Leben am besten?

Autor/in
Reinhold Beckmann
Regie
Reinhold Beckmann
Autor/in
Simon Huber
Wolfgang Klauser
Produktionsleiter/in
Jens-Michael Stabenow
Redaktion
Christoph Mestmacher
Redaktionsleiter/in
Jochen Graebert