Wer hat's gesehen?
Das NDR Fernsehkult-Quiz feiert den Geburtstag der "Sesamstraße". Bettina Tietjen präsentiert witzige Fragen, tolle Archivschätze und beliebte Anwohner aus vier Jahrzehnten.mehr
Eisenach 1955. Hinter verschlossenen Werkstüren und streng geheim entwickeln die Thüringer Autobauer das erste Automobil der DDR, das sich mit Modellen auf dem Westmarkt messen kann. Es ist eine "Schwarzentwicklung" - eine Entwicklung ohne den Segen der Partei - und Staatsführung, eine Entwicklung vielleicht nur für den Reißwolf. Doch dann unvermittelt die Chance für die Eisenacher Ingenieure und Techniker. Spontan macht sich Werksleiter Martin Zimmermann mit dem gerade fertig gestellten Musterfahrzeug auf den Weg zum Berliner Ministerium für Maschinenbau. Doch der zuständige Minister ist nicht anwesend. Zimmermann beschließt, direkt das ZK der SED mit der Eisenacher Entwicklung zu konfrontieren. Staunend stehen die Genossen vor dem auf Hochglanz polierten, viertürigen Fahrzeugtyp "EMW 311", dem ersten Wartburg.
Dieser überraschenden "Offerte der Arbeiterklasse" kann sich die Partei, trotz des "Vergehens" gegen die Planvorgaben, nicht verweigern. Der Bau des neuen Fahrzeugs wird genehmigt - über Zimmermann jedoch eine Disziplinarstrafe verhängt. Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1956 ist es dann soweit. Die erste Präsentation vor nationalem und internationalem Publikum. Die Wartburg 311-Modelle erregen großes Aufsehen. Das Wartburg Sportcoupé wird schon bald auf dem Berliner Kurfürstendamm oder auf dem Genfer-Automobil-Salon 1958 genauso bestaunt wie in Leipzig und Dresden. Fotos und Filme zeigen den Wartburg vor der Sky-Line New Yorks, vor der Akropolis, im finnischen Lappland oder den ägyptischen Pyramiden.
Die im Export erzielten Devisen sind der DDR-Staatsmacht willkommen. Die Weiterentwicklungen der Eisenacher gehen den Machthabern jedoch allzu sehr in Richtung eines westlichen Standards. Für die Genossen im ZK Grund genug, die Wartburg-Macher auszubremsen: "Wir wollen keinen Pkw für Snobs!", meint Politbüromitglied Günter Kleiber. Eine vernichtende Vorgabe für die Kreativität der Autobauer. Doch im geheimen werkeln sie weiter an Design und Motorisierung. Besonders der Zweitaktmotor trübt das Erscheinungsbild des DDR-Traumautos. Ein Motor aus dem Westen soll in den 1960er Jahren die neuen Modelle schmücken. Internationale Lieferanten für den Motor sind schon gefunden. Doch die Staatsführung verbietet das Geschäft mit dem französischen Partner. Das neue Modell muss wieder mit einem überalterten Motor produziert werden. Erst 1988 erhält der Wartburg, nach schier unendlichen Diskussionen in Ministerrat und Politbüro, serienmäßig einen VW-Viertaktmotor. Die Eisenacher hatten da längst einen fähigen eigenen Motor entwickelt. Doch es war zu spät, um den Wartburg noch am Markt zu halten. Am 10. April 1991 verließ das letzte Fahrzeug vor laufenden Fernsehkameras das Band der Endmontage.
Der Film rekonstruiert ein besonderes Stück Wirtschaftsgeschichte der DDR. Dabei werden die Erfolge und Niederlagen der Eisenacher Autobauer vor dem Hintergrund der staatlich gelenkten Wirtschaft thematisiert. Zeitzeugen aus der Entwicklung und Produktion des Eisenacher Werkes kommen dabei ebenso zu Wort wie Mitglieder des Politbüros und damalige und heutige Fans des zum Kultmobil gewordenen Wartburgs.