Stand: 01.04.2014 15:09 Uhr

Vermisstenmeldungen im NWDR

Eine Sendung prägte sich den Hörerinnen und Hörern in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ganz besonders ein: die Suchmeldungen im Radio. Sie sind eng verknüpft mit der Geschichte des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der im schleswig-holsteinischen Flensburg begann. Vor allem der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) unterstützte diese Initiative nachdrücklich.

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Eine DRK-Helferin zeigt Kriegsheimkehrern aus der Sowjetunion das Foto eines vermissten Soldaten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es auch in Deutschland kaum eine Familie, die nicht nach Angehörigen suchte: 7,8  Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten hatten ihr Leben verloren; 11,5 Millionen befanden sich als Kriegsgefangene und Zivilinternierte in einem der Tausenden von Lagern, die die vier alliierten Siegermächte in 80 Ländern errichteten. Etwa 14 Millionen Menschen flohen über Oder und Neiße in den Westen oder wurden aus den historischen Siedlungsgebieten in Osteuropa vertrieben, oft unter dramatischen Bedingungen. Im Mai 1945 war jeder Vierte in Deutschland ein Suchender oder ein Gesuchter.

Die DRK-Initiative startet im Norden

Die Geschichte des Suchdienstes begann in Flensburg. Zwei aus dem Krieg zurückgekehrte Offiziere, der Mathematiker Kurt Wagner und der später renommierte Soziologie-Professor Helmut Schelsky, sahen in den Lagern, wie Tausende nach Angehörigen und Unterkünften suchten. Mit Listen und Karteikarten versuchten sie Abhilfe zu schaffen. Ihre Arbeit mündete in den vom DRK seit Oktober 1945 systematisch aufgebauten Suchdienst. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer sammelten Daten und befragten Heimkehrer. Das DRK druckte Plakate und schaltete Anzeigen, in den Kino-"Wochenschauen" gab es Suchmeldungen.

NWDR sendet Suchmeldungen

Vor allem aber arbeitete man aufs engste mit dem Radio zusammen. Seit Ende 1945 sendeten die Rundfunkstationen in Deutschland Suchmeldungen, oft direkt in Zusammenarbeit mit dem DRK, das den Sendern die Listen mit den Namen der Vermissten zur Verfügung stellte. Das Verlesen dieser Suchmeldungen konnte sich pro Monat auf mehrere Stunden summieren, beim NWDR im Oktober 1946 beispielsweise auf elfeinhalb Stunden, das entsprach 2,3 Prozent des Gesamtprogramms.

"Bilitza, Manfred, geboren 22.4.42 in Königsberg, letzte Heimatanschrift Heuhausen, Ostpreußen / Rytel, Witold, Pole, 30 Jahre alt, geboren in Warschau. Verhaftet, im Oktober 44 nach Groß-Rosen gebracht. Gesucht von seinem Sohn Rytel, Piotr. / Der Soldat Fritz Unruh, geboren am 17.8.1907 in Kaidjenen, sucht seine Frau Martha Unruh aus Schoschen, Kreis Heiligenbeil. / Sie hörten den Suchdienst. Wir bitten die Hörer, die Auskunft über den Verbleib der Genannten geben können, an die Suchdienststelle …". Diese knapp eine Minute lange Meldung des NWDR ist die bekannteste Suchdurchsage, die aus jenen Tagen erhalten ist.

Suchanträge des DRK (Suchdienst Hamburg) und des sowjetischen Roten Kreuzes, mit denen nach vermissten Personen geforscht wird - um 1960  Fotograf: Marc-Oliver Rehrmann

1947: Vermißtensuchmeldung des Deutschen Roten Kreuzes

Im Oktober 1945 begann das Deutsche Rote Kreuz mit dem Aufbau des systematischen Suchdienstes. Der NWDR strahlte seit November desselben Jahres einen eigenen Suchdienst nach "internierten deutschen Soldaten" aus.

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Ernst Schnabel, Chefdramaturg beim Hamburger Sender, baute diese Meldung in sein Hörspiel "Der 29. Januar" ein, das die Ereignisse eines exemplarischen Tages im Kältewinter 1946/47 schildert. Das Hörspiel basierte auf einer spektakulären Aktion, an der sich 35.000 Hörerinnen und Hörer des NWDR beteiligten. Sie schickten Postkarten und Briefe, die ihren Alltag in den Nachkriegsmonaten widerspiegelten. Schnabel wählte aus, ordnete und reicherte seine Dokumentation schließlich mit einigen charakteristischen Tönen an, darunter auch die Suchmeldung.

Die Stimme um Mitternacht

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Die Moderatoren im Studio lasen die Suchmeldungen lange Zeit kurz vor Sendeschluss vor.

Schon damals gehörten die bewusst langsam vorgetragenen und überdeutlich formulierten Suchmeldungen für ihn, den Programmmacher, ebenso wie für die Zuhörer zum Radio-Alltag. Im Hörspiel "Der 29. Januar" folgt der dokumentarischen Einblendung die kommentierende Sprechstimme: "Mit dem Suchdienst geht das Radioprogramm zu Ende. Einige, die wohl selbst jemanden vermissen, haben noch zugehört, aber es waren lauter fremde Namen, die verlesen wurden. Nun schalten auch sie ihre Empfänger aus und gehen schlafen."

Charakteristisch für die Ausstrahlung der Suchmeldungen war lange Zeit die mitternächtliche Stunde, so dass die Namenslisten mit den kurzen anrührenden Schicksalshinweisen den Sendeschluss markierten.

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