Stand: 22.12.2010 16:26 Uhr

Fortschritt mit Flöte

von Eckhart Pohl, NDR 1 Niedersachsen

Die politischen Geburtswehen waren heftig, seinerzeit. Aber als der neue Staatsvertrag über den NDR 1981 endlich unterschrieben war, kamen im Norden die Landesprogramme zur Welt.

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Eckhart Pohl, Hörfunkchef NDR 1 Niedersachsen.

Es gab Applaus und Sekt, als frühmorgens in der guten alten Regie 5 im Funkhaus Hannover der erste Vorspann abgefahren wurde. Was den Hörern zwischen Ems und Elbe geboten wurde, war noch ein ziemliches Sammelsurium. Weltnachrichten und Schweinepreise, Zeitfunk mit Schalten nach Oldenburg und Braunschweig, Hörergrüße, Tanzmusik und Jugendhits. Aber es dauerte nur wenige Jahre, dann war aus NDR 1 Niedersachsen ein modernes Formatradio geworden, dessen Hörerschaft rasant anwuchs.

Das Lebensgefühl der Niedersachsen

Und das lag nicht nur am verlässlichen Informationsangebot und der betont zugewandten Moderation. Es lag vor allem auch am Schlager, der zur prägenden Musikfarbe wurde. Viele, die mit der Übermacht des Pop im Radio gehadert hatten, fühlten sich endlich wieder heimisch. Ob an der Nordsee oder im Harz, in diesem Programm fanden sich die Niedersachsen mit ihrem Lebensgefühl wieder: aufgeschlossen und interessiert, vor allem aber bodenständig und traditionsverbunden. Und diese harmonische Anmutung verfehlte auch jenseits von Stacheldraht und Todesstreifen nicht ihre Wirkung. Dank des mächtigen Senders in Torfhaus strahlte NDR 1 Niedersachsen weit in die damalige DDR – und wurde gehört.

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Blick vom Rudolf-von-Bennigsen-Ufer auf das Landesfunkhaus Hannover.

Das wussten die Macher, und doch ahnte keiner, was passieren sollte, als nach dem Fall der Mauer 1989 die ostdeutschen Landsleute ermuntert wurden, doch mal in Hannover vorbeizuschauen. Am Maschsee stauten sich die Trabis in Kolonnen, mehrere zehntausend Menschen wollten endlich mal "ihren" Sender an Ort und Stelle kennenlernen. Es war chaotisch – und wunderbar. Noch heute schwärmen die Reporter von den Wochen der Grenzöffnung, als sie gar nicht aufhören mochten, den Rest der Welt mit Stimmen und Tönen zu versorgen.    

"So muss Radio sein"

Auch für den "Heimatsender" änderten sich die Zeiten. In den 90er-Jahren wurde die Musik vielfältiger, schrittweise kamen auch poppige Töne ins Programm, den Erwartungen des Publikums entsprechend. Eisern gewahrt wurde aber das entspannte, unaufgeregte Klangbild. Roy Black und Michael Jackson nacheinander? Bei NDR 1 Niedersachsen funktionierte das, bundesweit ziemlich einmalig, weil das Programm eben nicht mechanisch mit Stilen, sondern mit handverlesenen Einzeltiteln bestückt wurde.

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"Der Tag des offenen Hofes" in Niedersachsen: Guter Überblick vom Strohballen.

Die Hörer honorierten diese Strategie. Als Jungmoderator Stefan Nobel den selbstgestrickten Schlagertitel "So muss Radio sein" aufnahm, nickte ein Millionenpublikum zustimmend an den Lautsprechern. Überhaupt begann das Programm, sich an große Zahlen zu gewöhnen. Zu Programmaktionen oder  Jahreshitparaden gab es schon mal 200.000 Einsendungen, zum regelmäßigen "Tag des Offenen Hofes" wurden sogar 500.000 Menschen mobilisiert. Bald war das Programm nicht nur Marktführer in Niedersachsen und im Norden, sondern für einige Jahre auch bundesweit. Der neue Claim "Das ist Radio" brachte es auf den Punkt.

Regional verwurzelt

Aber Musik und Moderation sind nur zwei Erfolgsfaktoren. Nicht minder wichtig ist die regionale Kompetenz des Programms. Das Netz der Studios und Korrespondentenbüros ist über die Jahrzehnte stetig gewachsen, zuletzt, als mit dem "Nordwestradio" 2001 eine neue gemeinsame Welle mit Radio Bremen gestartet wurde. Ohne die Korrespondenten und ihre regionale Verwurzelung wäre dieses großflächige, vielfältige Niedersachsen nicht in den Griff zu bekommen. In Wahrheit fühlen sich die Landesbewohner ja immer noch als Braunschweiger oder Oldenburger, als Ostfriesen oder Heidjer. Da heißt es, den landsmannschaftlichen Befindlichkeiten auf der Spur zu bleiben, auch wenn etwa der Emsland-Korrespondent schon mal ein Gebiet von der Größe des Saarlandes zu beackern hat. Was er und seine Kollegen aus den Regionen heranschaffen, füllt heute werktäglich 55 Programm-Fenster.

Ereignisse, die in Erinnerung bleiben

Auch der NDR ist beim "Tag der Niedersachsen" mit einer eigenen Bühne vertreten.

Es bleibt nicht aus, dass beim Blick zurück auch Beschwerliches in den Blick kommt. Die dramatischste Herausforderung war gewiss das Bahnunglück von Eschede 1998. Auch die routiniertesten Reporter erlebten seelische Eindrücke, die sie lange Zeit nicht loswurden. Sehr viel heiterer dagegen die Erinnerung an die EXPO 2000 in Hannover. Zur Weltausstellung sendete NDR 1 Niedersachsen fünf Monate lang ein zusätzliches Programm für Gastgeber und Besucher. Und auch danach richtete sich die Aufmerksamkeit der Nation immer wieder auf Niedersachsen, bis heute. Unsere NDR Programme und die ARD-Wellen erstklassig zu versorgen, diesen Ehrgeiz muss NDR 1 Niedersachsen immer wieder beweisen.

"Funkbilder aus Niedersachsen"

"Jedes Ereignis ... wird von uns mit dem Mikrophon eingefangen."

Am 22. Mai 1948 wurde die erste Sendung der "Funkbilder aus Niedersachsen" in Hannover ausgestrahlt.

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Eines hat sich auch nach 30 Jahren nicht verändert: Der Mensch, in diesem Fall der Hörer, lebt nicht von der schnellen und zuverlässigen Nachricht allein. Radio ist auch Emotion. Und so hat sich bei NDR 1 Niedersachsen manches erhalten, was dem Publikum seit langen Zeiten vertraut ist. Zum Beispiel die "Funkbilder aus Niedersachsen", eine der ältesten Hörfunksendungen Deutschlands. Mag der Titel auch allmählich museal klingen - die Sendung hat längst ein zeitgemäßes Outfit und gehört unverändert zum journalistischen Profil des Programms. Oder die berühmte Flöte im Nachrichten-Vorspann. Wer sich durch Niedersachsen bewegt, kann ihr in Gaststätten, Taxen oder Tankstellen zur vollen Stunde kaum entgehen. Die Flöte ist fast so alt wie NDR 1 Niedersachsen. Aber jetzt gibt es sie auch als Klingelton fürs Handy!  

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