Stand: 01.07.2010 11:30 Uhr

Morgengymnastik mit Hildegund Bobsien

von Anja Schäfers

Eine Stromsperre gab Hildegund Bobsien den Anstoß für ihre Tätigkeit beim NWDR: Im Sommer 1945 blieb ihre Hochbahn in der Nähe des Funkhauses in der Rothenbaumchaussee liegen. Bobsien hatte während des Krieges bei Radio Luxemburg erste Rundfunkerfahrungen gesammelt und entwickelte nun die Idee für eine Frühsendung beim damaligen Radio Hamburg.

Die Rundfunk-Gymnastiklehrerin gab ihre morgendlichen Anweisungen live.

Seit den 20er-Jahren gab es im deutschen Rundfunk Gymnastiksendungen und daher waren viele Hörerinnen und Hörer froh über den Sendestart der "Morgengymnastik mit Hildegund Bobsien". Ihre junge, fröhliche Stimme und die freundlich-bestimmten Übungsanweisungen brachten ihr rasch Sympathien ein.

Das "liebe Fräulein"

Viele Frauen schrieben an den Sender, dankten Bobsien für die Sendung oder baten um fachliche Informationen. "Bin jeden Morgen zur Stelle, wenn Sie uns rufen, nur schade, das ich nicht in Ihrer Nähe sein kann", schrieb im Dezember 1945 eine Hörerin "ihrer" neuen Rundfunk-Gymnastiklehrerin. Bei etlichen Zuschriften von männlichen Hörern wog die Schwärmerei für das "liebe Fräulein" schwerer als die Turnbegeisterung. Ende 1945 schrieb ihr ein Soldat aus der Kriegsgefangenschaft und berichtete von sich und seinen Stubenkameraden: "Jeden Tag werden Sie von uns mit guten Morgen, liebes Mauserl' begrüßt!"

Nicht alle Hörerinnen und Hörer waren mit der Gymnastik-Sendung zufrieden. In der frühen Nachkriegszeit gab es durchaus grundsätzliche Kritik am Sinn von Gymnastik in kalorienarmen und entbehrungsreichen Zeiten. Daneben gab es konkrete Beschwerden wegen einiger Gymnastikübungen, dem Stil der Begleitmusik oder den Anweisungen. Ein Hörer aus Duisburg monierte im Januar 1946 die Erläuterungen von Bobsien: "(...) das Kommando ist sehr deutlich, das nützt uns aber nichts, da wir nicht wissen, ob wir Beine oder Arme schwingen sollen."

Essenspakete oder Häkeldeckchen

Insgesamt überwogen die freundlichen Zuschriften für Hildegund Bobsien. Neben vielen Briefen landeten im Hamburger Funkhaus auch Essenspakete oder Häkeldeckchen für die "liebe Gymnastiklehrerin". Ein Hörer schrieb ihr zu ihrer 500. Sendung am 4. Dezember 1948 ein selbst verfasstes Gedicht. Einige Schreiben trugen auch persönliche Anliegen vor, denn - so ein Brief aus Berlin aus dem Jahr 1953 - "durch den NWDR sind wir schon Bekannte". Bobsien wurde immer mehr zur "Radiopersönlichkeit", die man um ein Foto oder Autogramm bat.

Downloads

Kritik-Brief von 1946

"Wer hat denn heute noch Kräfte frei zum Turnen? Wer die Zeit, wer die Lust?" Ein kritischer Brief von einem Hörer aus Witten. Download (1 MB)

Solche Schwärmereien wurden auch dadurch begünstigt, dass Bobsien im Funk ihren Mädchennamen trotz Heirat behielt. In den ersten Jahren beeinflusste vor allem der frühe Sendetermin Bobsiens Leben, denn anfangs wurden alle Sendungen live eingespielt. Wegen des Anfahrtswegs innerhalb Hamburgs musste die Gymnastiklehrerin daher lange Zeit um 4.30 Uhr aufstehen.

Sechsmal pro Woche Gymnastik

Im April 1947 bekam Bobsien Unterstützung von Erni Werther, einer Kollegin aus dem Kölner Funkhaus. Bis zur Auflösung des NWDR im Jahre 1955 gestalteten die beiden Frauen abwechselnd die Gymnastiksendungen, zunächst tageweise alternierend, später wochenweise. Dies war nötig, denn ab dem Winterprogramm 1947/48 sendete der NWDR die Gymnastik sechsmal pro Woche von montags bis samstags.

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1955 turnten laut Umfrage 150.000 bis 200.000 NWDR-Hörerinnen und Hörer aktiv mit.

Die beiden Gymnastiklehrerinnen unterschieden sich in ihrer Herangehensweise, aber jede fand ihre Anhänger. Durch Bobsiens Art fühlten sich viele Hörerinnen und Hörer persönlich angesprochen. "Ich freu mich jeden Morgen auf Sie und auf das Turnen! Wenn Sie ,Guten Morgen' sagen, ist es, als ob man gleich freundlich an die Hand genommen wird", lobte im Herbst 1954 eine Hörerin aus dem Harz ihre "Gymnastikfreundin".

Das Aus nach 22 Jahren

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1967 wurde die Sendung eingestellt.

Der Sendeplatz und die Dauer der Morgengymnastik änderten sich mit den Jahren. Im November 1950 war es mit den zehn Minuten-Sendungen vorbei, danach mussten fünf, später sogar drei Minuten Gymnastik reichen. Treuen Hörern missfiel auch die mehrfache Verlegung des Sendetermins, der den Zeitraum von kurz vor 6 Uhr bis nach 7 Uhr morgens betraf. Immerhin turnten 1955, dem Jahr der letzten Hörerumfrage, 150.000 bis 200.000 NWDR-Hörerinnen und Hörer aktiv mit und sie alle mussten die Sendung immer wieder neu in ihre morgendliche Routine einfügen. Am 31. März 1967 stellte der NDR die Sendung ein. Zur Begründung hieß es damals offiziell: Es sei nicht kontrollierbar, ob nicht auch Hörer mitturnten, für die die Übungen gesundheitsschädlich seien.

Mit herzlichem Dank für die Unterstützung durch die Forschungsstelle Mediengeschichte.

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