Stand: 16.08.2011 14:41 Uhr

Konflikte, Kämpfe, Kontroversen: Der NWDR 1948-1955

Mit der Lizenzierung als erste öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Deutschland am 1. Januar 1948 begannen schwierige, mitunter turbulente Jahre für den NWDR. Zunächst hatten die britischen Behörden noch ein wachsames Auge auf die weitere Entwicklung des Mediums und sich einige Vorbehaltsrechte gesichert.

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Hugh C. Greene, Controller of Broadcasting beim NWDR, dem Radio der britischen Besatzungszone.

Personell kam dieser Übergang durch die Tatsache zum Ausdruck, dass der bisherige Chief Controller für den Rundfunk in der britischen Zone, der Brite Hugh Carleton Greene, der neuen deutschen Rundfunkeinrichtung als Generaldirektor vorstand. Die Gremien - Hauptausschuss und Verwaltungsrat -, die die öffentlich-rechtliche Selbstverwaltung ausüben sollten, konnten sich erst im März und Mai 1948 konstituieren. Mit der Wahl des ehemaligen niedersächsischen Kultusministers und SPD-Mitglieds Adolf Grimme zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates im Mai 1948 und wenig später zum Generaldirektor im September 1948 war der Weg für eine Amtsübergabe jedoch frei, und Greene beendete seine Aufbauleistung zum 15. November 1948.

Schwierige Personalsuche

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Dr. Adolf Grimme wurde im September 1948 vom Verwaltungsrat des NWDR zum Generaldirektor gewählt.

Der NWDR hatte im Zuge der Reorganisation eine Reihe von Bewährungsproben zu bestehen. Vor allem personelle Entscheidungen von Adolf Grimme sorgten für Konflikte, wie beispielsweise im Frühjahr 1949 die Ernennung von Herbert Blank zum kommissarischen Intendanten des Hamburger Funkhauses. Viele Mitarbeiter protestierten; für sie galt der ehemalige Anhänger des Otto-Strasser-Flügels der NSDAP als belastet. In einer Betriebsversammlung wurde Blank im Mai 1949 das Vertrauen entzogen. Mehrere Rundfunkmacher der ersten Stunde wie beispielsweise Axel Eggebrecht verließen 1949 den NWDR.

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Alexander Maass war ab 1947 Leiter der NWDR/Rundfunkschule, ab 1949 Programmchef, später stellvertretender Programmdirektor.

Umgekehrt konnte Grimme mit ehemaligen Emigranten wie Alexander Maass und Walter D. Schultz einflussreiche leitende Mitarbeiter um sich scharen, was seine Position im politischen Proporz-Kampf mit dem Verwaltungsratsvorsitzenden und CDU-Mitglied Emil Dovifat stärkte. Auf der einen Seite erschien Grimmes Konzeption vom Rundfunk als "Kompass", als "Helfer“ und als "Wegbereiter einer neuen Schau des Menschen" als wenig modern, auf der anderen Seite ließ ihn die Vorstellung vom Rundfunk als Bildungsinstrument zu einem Verteidiger der neuen Rundfunkfreiheit werden. Grimme wehrte sich gegen die rundfunkpolitischen Pläne der Adenauer-Regierung und versuchte den Zugriff der Bundesregierung auf das Medium soweit wie möglich abzuwehren.

Die Herausforderung: Das große Sendegebiet

Die größte Herausforderung stellten schließlich die Spannungen im NWDR als länderübergreifender Einrichtung dar. Das Sendegebiet des NWDR umfasste die in der britischen Besatzungszone neu gegründeten Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und die Freie und Hansestadt Hamburg. Hinzu kam im britischen Sektor der Vier-Mächte-Metropole Berlin ein eigenes Studio. Die Forderungen nach mehr regionaler Berücksichtigung und nach mehr Unabhängigkeit von der Zentrale in Hamburg wurden immer lauter, nicht selten verbanden sie sich mit parteipolitischen Auseinandersetzungen.

Entscheidungen zur Dezentralisierung wurden getroffen. Die beiden Funkhäuser in Köln und in Hamburg wurden als gleichwertige Schwerpunkte einer Ellipse begriffen, sodass Programmredaktionen doppelt aufgebaut wurden. Redakteurinnen und Redakteure vom Rhein und von der Elbe gerieten so in einen produktiven Wettstreit. Die Gründung von regionalen Studios schritt in dieser Zeit voran. Im Bereich des Funkhauses Hamburg wurden die Studios Flensburg und Oldenburg gegründet; das Studio in Hannover wurde zu einem Funkhaus ausgebaut.

Die Gründung von NDR, WDR und SFB

Doch in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre zerbrach die große Rundfunkeinrichtung. Aus dem NWDR-Studio in Berlin wurde Ende 1953 der Sender Freies Berlin (SFB) als selbstständige Rundfunkanstalt gebildet. Die seit 1950 von nordrhein-westfälischen Politikern vorgetragenen Forderungen nach mehr Selbstständigkeit im Westen des NWDR-Gebiets führten schließlich zur Auflösung des NWDR zum Jahresende 1955. Die rechtlichen Regelungen machten den Weg frei für die Gründung des NDR und des WDR zum 1. Januar 1956.

Die Jahre 1948 bis 1955

1948 wird der NWDR eine "Anstalt des öffentlichen Rechts" und treibt die technische Entwicklung energisch voran. Das Nachkriegsradio erlebt eine Blütezeit, 1952 startet der Fernsehbetrieb. mehr