Stand: 30.06.2010 13:20 Uhr

Wetter ist immer

von Anne Runkel

Im März 1960 feierte eine völlig neue Art der Wettervorhersage im deutschen Fernsehen ihre Premiere. Auf einer animierten Wetterkarte übernahmen Regenwolken, Nebelfelder und Schneestürme zum ersten Mal die Hauptrolle. Sie ersetzten die inzwischen bekannt gewordenen Gesichter des Meteorologen-Teams aus Hamburg und das putzige Wetter-Puppenspiel von Pit Peters.

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Das HR-Wetter-Team: Herbert Thonak, Elfriede Zechner, Leberecht Hünlich, Horst Erlitz (v.l.)

Die neu entstandene Wetter-Redaktion des Hessischen Rundfunks in Frankfurt am Main entwarf in damals noch stundenlanger Kleinarbeit graphisch komplexe Abbildungen, die die Zuschauer fortan durch das Dickicht meteorologischer Fachbegriffe führen sollten. Der Unterschied zwischen der alten und neuen Wettervorhersage hätte kaum größer sein können.

Vom Puppenspiel zum "automatischen Wetter"

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Zwei kleine Puppen präsentierten das Wetter im Ersten bis 1960.

Schon 1952, als man begann, das Fernsehprogramm in Westdeutschland regelmäßig auszustrahlen, war die Wettervorhersage ein fester Bestandteil des Programms. Dabei setzten die Hamburger Fernsehmacher auf die Expertise des örtlichen Seewetteramtes. Ein Team von vier Meteorologen bildete bald das Herzstück des Fernsehwetters. Mit schulmeisterlichem Ernst, der einen oder anderen persönlichen Bemerkung und einer "besonderen Zuneigung" für die Urlauber - wie die Programmzeitschrift "Gong" nach der umstrittenen Umstellung zu berichten wusste - erklärten die menschlichen "Wetterfrösche" an der Tafel die Wetterlage und gaben ihre Prognosen ab. Unterstützt wurden sie seit 1953 von "Pit Petersens Püppchen": In einer amüsanten Szene präsentierten zwei kleine Puppen das Wetter in unmissverständlicher und einprägsamer Weise - ein besonderer Service für die "eiligen Fernseher".

Verlust des "Human-Touch"

Dass so viel liebevoller, menschlicher Einsatz nun dem technischen Fortschritt weichen sollte, sorgte zwangsläufig für Aufregung im Zuschauerkreis. "Sind wir Zuschauer Fernseh-Romantiker?", titelte zum Beispiel die Programmzeitschrift "Gong" nur zwei Monate nach der Programmänderung und mahnte an: "Vom persönlichen Kontakt zur Automatisation". Auch die "Funk-Uhr" vermisste die Hamburger Wetterfrösche "schmerzlich" und warf dem Team des Hessischen Rundfunks Unübersichtlichkeit und "Unsicherheit" der Wettervorhersage vor. Hinzu gesellte sich der Vorwurf der "Langeweile", wie ihn unter anderem die Wochenillustrierte "Der Hausfreund" kurz nach der Umstellung äußerte.

"Ein Wirrwarr von Linien" und sieben Sorten Wolken

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Schon verwirrend: Diese Wetterkarte bildet eine Sturmflut ab.

Die "Hamburger Morgenpost" behauptete sogar, auf den neuen Wetterbericht sei kein Verlass mehr. Denn auch die lokale Tagespresse schaltete sich vielerorts in die Diskussion um die neue Fernseh-Wettervorhersage ein: Es bedürfe meteorologischer Fachkenntnisse um "aus der schnellen Aufeinanderfolge von aktuellem Wetterbild, von Druckkurven, Wetterfronten und Vorhersagekarten die Wetterentwicklung abzulesen" (Flensburger Tageblatt). Doch was von den Zuschauern als ein "Wirrwarr von Linien, Kurven und sonstigen monoton wiederkehrenden Zeichen, gekrönt von elektronischer Musik" (Braunschweiger Zeitung) wahrgenommen wurde, war das Ergebnis sorgfältig ausgearbeiteter Trickfilmtechnik. Sieben verschiedene Typen von Wolken, drei Arten von Regen, verschiedenen Sonnen, Schnee, Hagel und Blitze in vereinfachter Darstellung sollten für Übersichtlichkeit in der schnellen Abfolge sorgen.

Blitz und Donner in der Hauptrolle

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Grafikerin Elfriede Zechner bei der Arbeit.

Die Entwürfe für die Wettersymbole stammten von der junge Grafikerin Elfriede Zechner, einer Absolventin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Im Wetter-Team“des HR wurde sie unterstützt von einem weiteren Graphiker sowie zwei Trick-Kameraleuten, die gemeinsam die durchschnittlich 4.000 Einzelbilder und rund 35 Meter Film der Vorhersage zu einer flüssigen Präsentation zusammensetzen. Die Bildsequenzen richteten sich dabei strikt nach den Textvorgaben aus der Offenbacher Zentrale des Deutschen Wetterdienstes.

Von einem Sprecher im HR-Studio eingesprochen, dienten die Texte als "Drehbuch" für die Wetterfilme. Bei der Zusammenführung von Bild und Text war große Präzision von Nöten, schließlich mussten sie synchron erscheinen. Das ganze Verfahren nahm drei Stunden in Anspruch. Der Eindruck der Zuschauer, die neue Wetterkarte sei nicht mehr so zuverlässig in der Vorhersage, kam somit nicht von ungefähr. Schließlich ließ das aufwändige Trickfilmverfahren keine kurzfristigen Änderungen mehr zu. Die verwendeten Wetter-Daten stammten vom späten Nachmittag und nicht - wie bei der Hamburger Wettervorhersage noch üblich - aus den letzten Minuten vor der Sendung.  

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