Stand: 05.07.2016 11:46 Uhr

Ein Landesfunkhaus rückt zusammen

von Elke Haferburg

Es ist eine altbekannte Unterteilung im NDR Organigramm: hier „Bereichsleiter/-in Fernsehen“, dort „Bereichsleiter/-in Hörfunk“. Im Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern hat man sich Mitte 2011 von diesem jahrzehntealten Modell verabschiedet und arbeitet seither medienübergreifend. Der folgende Artikel zeichnet den Strukturwandel nach.

Die Ausgangsüberlegung

Eine völlig neue, medienübergreifende Verzahnung der Themensteuerung soll die publizistische Schlagkraft des NDR Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern nachhaltig stärken, so die Zielvorstellung im Herbst 2010. Anstelle von zwei verantwortlichen Bereichsleitern sollen eine Programmdirektorin und ein Chefredakteur die Geschäfte leiten, wodurch die unterschiedlichen Medien wesentlich näher zueinander finden werden.  

Klar ist von vornherein: Hörfunk- und Fernseh- sowie Onlineprofis setzen auch weiterhin in ihrem Medium die Themen um. Klar ist aber auch: Kollegen, die gleiche Themenbereiche bearbeiten, werden gemeinsam planen, konferieren und recherchieren. Diese neue Organisations- und Kommunikationsstruktur wird den Informationsaustausch innerhalb des Hauses optimieren.    

Der Weg

Zunächst einmal werden mit den engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Ideen besprochen und Risiken und Chancen abgewogen. Der Intendant und die Gremien signalisieren jeweils ihr Wohlwollen und so heißt es schließlich: Ja, wir glauben gemeinsam an die Ziele, und wir sind überzeugt, dass der Weg dorthin gangbar ist. Jetzt müssen Projektstrukturen geschaffen werden, die es im NDR bislang so noch nicht gegeben hat.

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Elke Haferburg ist seit 2007 Direktorin des Landesfunkhauses Mecklenburg-Vorpommern und seit 2011 auch Programm-Direktorin.

Anfang Oktober 2010 trifft sich das Herzstück des Reformprozesses: die sogenannte AG Organisation. Viele Kollegen aus dem Funkhaus, den Studios, der Produktion und der Verwaltung erarbeiten im Rahmen eines intensiven Tagesworkshops eine Stärken- und Schwächenanalyse der vielen verschiedenen Organisationsabläufe im Hause. Offenheit ist angesagt, Schwachpunkte in der bisherigen Zusammenarbeit von Hörfunk, Fernsehen und Online werden angesprochen.

Themenbereiche kristallisieren sich heraus und werden immer weiter verdichtet, bis ein handhabbares Aufgabenpaket entsteht. Schwerpunkte hierbei werden unter anderem die Suche nach Möglichkeiten einer Stärkung der landespolitischen Berichterstattung sowie eine verzahntere Planungsstruktur sein. Auch für die Kultur und das Marketing werden an dieser Stelle Arbeitsgruppen gegründet. Mittlerweile steht auch fest, wie lange dieser Prozess dauern soll: Das Haus gibt sich ein halbes Jahr. Ab Mitte März 2011 sollen die neuen Strukturen also greifen. Fest steht aber auch, dass kein Zeitdruck besteht. Gründlichkeit geht vor.

Der Übergang

Die Landesfunkhausdirektorin übernimmt kommissarisch den Hörfunkbereich und Joachim Böskens (bislang Bereichsleiter Hörfunk) als zukünftiger Chefredakteur den Fernsehbereich. Noch bleiben Radio und Fernsehen von der Themensteuerung her getrennt – die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich während der Reformphase auf die bekannten Strukturen verlassen.

Auf der einen Seite also „business as usual“ – auf der anderen Seite das Neuland. In fünf Arbeitsgruppen tüfteln viele Kolleginnen und Kollegen an konkreten Vorschlägen für verzahnte Strukturen innerhalb des Chefredakteurmodells.  

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Ein halbes Jahr wurde getüftelt, beraten und diskutiert bis die neuen Arbeitsabläufe im Landesfunkhaus (hier das Foyer) umgesetzt wurden.

Es folgt eine präzise dokumentierte Rückmeldung zur Steuerungsgruppe, die in regelmäßigen Treffen die Entwicklungen und Ergebnisse der Arbeitsgruppen bündelt, auswertet und konkrete Mechanismen entwickelt. Immer wieder tritt auch die AG Mitbestimmung zusammen. In diesem paritätisch besetzten Gremium erläutert und bespricht die Leitungsebene des Funkhauses mit den Personalvertretern die einzelnen Reformfortschritte.

Das Kommunikationskonstrukt des Reformprozesses klingt komplex – und das ist es auch. Gleichzeitig gelingt so, was von Anfang an wichtig war: die unverzichtbaren Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei dieser Reform einzubeziehen und sie auf dem langen Weg mitzunehmen. Die Signale aus den Arbeitsgruppen sind eindeutig: Ja, wir kriegen das hin – wir werden Strukturen schaffen, in denen wir unsere Zusammenarbeit neu definieren.

Die Herausforderungen

Eine Funkhausreform besteht aus weit mehr als aus theoretischen Überlegungen zu Ablaufplänen und virtuellen Zuständigkeiten. Eine Reform wird ganz konkret, wenn es darum geht, diese neuen Ideen auch räumlich umzusetzen: in Form von Umzügen innerhalb des Hauses. Die zukünftigen Chefs vom Dienst (CvD) Hörfunk und Fernsehen brauchen einen gemeinsamen Büroabschnitt, die Kolleginnen und Kollegen aus der Landespolitik müssen - egal für welches Medium sie arbeiten – in Zukunft nah beieinander sitzen.

Allein diese grundsätzlichen Vorstellungen lösen einen erheblichen Umzugsaufwand aus. Das gesamte Haus wird räumlich durcheinandergewirbelt. Innerhalb weniger Tage gibt es 80 Komplettumzüge – alles klappt reibungslos. Dieser Umzug hat etwas greifbar Neues, Erfrischendes und macht sehr deutlich: Es passiert wirklich etwas. Die Reform steht kurz vor dem Abschluss.

Die Umsetzung

Mitte März 2011 dann der Startschuss: Die Mitarbeiterversammlung in Schwerin im Beisein des Intendanten ist ein würdiger Rahmen, um das neue Strukturmodell zu starten. Die Landesfunkhaus- und Programmdirektorin verantwortet seither in enger Zusammenarbeit mit dem medienübergreifend zuständigen Chefredakteur die Produkte aus dem NDR Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern. Die Ergebnisse der Reform sind keine blanke Theorie – sie lassen sich jeden Tag im Funkhaus ganz konkret erleben.

Bereits um 8.40 Uhr sitzen der Chefredakteur sowie Kolleginnen und Kollegen aus Hörfunk, Fernsehen und Online gemeinsam im Büro der Direktorin, um die Qualität der aktuellen Sendungen auszuwerten und anschließend die Themen des Tages zu besprechen. Strategien für möglichst schlagkräftige Veröffentlichungen exklusiver Recherchen werden abgestimmt, Möglichkeiten zur gegenseitigen Crosspromotion ausgelotet.

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Joachim Böskens, Chefredakteur im trimedialen Funkhaus Schwerin und Stellvertreter der Direktorin.

Der Chefredakteur leitet danach auf operativer Ebene die Themenkonferenzen der einzelnen Medien. Die CvDs Hörfunk und Fernsehen sitzen sich während der Arbeit gegenüber, ein gemeinsames Sekretariat bringt weitere Nähe und gegenseitiges Verständnis. Gegenüber dem CvD- Büro sitzen die Kolleginnen und Kollegen aus der neugeschaffenen Redaktionsgruppe „PuR“ – Politik und Recherche. Redakteure und Reporter aus drei unterschiedlichen Medien arbeiten gemeinsam in ihren Büros an Recherchen und Geschichten. 

Der Erfolg

Eine Reform ist – auch wenn sie offiziell abgeschlossen ist – natürlich ein immerwährender Prozess. Abläufe müssen sich einspielen, Schwierigkeiten, die im Nachgang aufgetreten sind, müssen behoben werden.

Allerdings ist eines unverkennbar: Das Landesfunkhaus ist wesentlich näher zusammengerückt. Das Verständnis für das jeweils andere Medium ist deutlich gestiegen, das Gefühl gemeinsam am Erfolg des NDR in Mecklenburg-Vorpommern zu arbeiten, ist nachhaltig gewachsen. Eine Steigerung der exklusiven politischen Hintergrundberichterstattung sowie clever abgestimmte medienübergreifende Marketingmaßnahmen machen beispielhaft deutlich, dass es für das NDR Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern richtig war, diesen Weg einzuschlagen.