Stand: 10.01.2013 09:08 Uhr

Die NDR Schulfunk-Reihe "Europa"

Seit seiner Gründung begreift sich der Rundfunk auch als ein Medium der Bildung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges knüpften die Sender in Deutschland an diese - im "Dritten Reich" unterbrochene - Tradition an. Alle Rundfunkstationen in den Besatzungszonen gründeten Schulfunk-Abteilungen. In den Augen der Westalliierten konnten deren Programme einen wichtigen Beitrag zur "Re-education", zur Umerziehung der Deutschen leisten.

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Übertragung einer Haus-Rede vom 26.04.1950.

Doch vor allem sollten Schulfunk-Sendungen ein groß angelegtes Instrument der Demokratisierung der jungen Generation sein. Nur kurze Zeit war der Einfluss der Kontrolloffiziere spürbar. Schon bald erhielten deutsche Pädagogen immer mehr Verantwortung. Sie nutzten die sich ihnen bietende Chance, mit Hilfe des Schulfunks die Lehrerinnen und Lehrer vor Ort zu unterstützen.

Weitere Informationen

Interview anlässlich des 20jährigen Bestehens des Schulfunks im NDR

Günter Brinkmann, Redakteur und stellvertretender Leiter des Schulfunks, über die ersten Sendungen und die Aufgaben des Schulfunks. Audio (03:40 min)

Radio macht Schule

Die Schulfunk-Macher schwärmten von den hochwertigen Produktionen, die sie für den Einsatz im Schulunterricht anbieten konnten; und viele damals junge Hörerinnen und Hörer erinnern sich bis heute an die Qualität der Aufnahmen. Dabei war das Themenspektrum, das die großen Schulfunk-Abteilungen in den Rundfunkhäusern abdeckten, breitgefächert: Naturwissenschaften, Musik, Kunst und Literatur, Verkehrserziehung, Erdkunde und Englisch-Unterricht, Gemeinschaftskunde und Geschichte gehörten dazu.

"Neues aus Waldhagen"

Die Schulfunk-Programme bekamen nicht nur im schulischen Alltag große Bedeutung. Auch viele Erwachsene lauschten gleichsam als Zaungäste interessiert den vormittags und nachmittags angebotenen Radiosendungen. Der Bildungshunger in den Nachkriegsjahrzehnten war groß, und die Radioprogramme halfen, dem Nachholbedarf zu begegnen.

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Die Schulfunk-Reihe "Neues aus Waldhagen"; hier mit Gernot Weitzl (l.) und Heinz Reincke.

So wurde in den 50er- und 60er-Jahren in der Bundesrepublik eine regelrechte "Generation Schulfunk" groß. Führt man medienbiografische Interviews, erinnern sich viele Befragte bis heute an diese eindrucksvollen und sie prägenden Schulfunk-Sendungen. Das wohl bekannteste Beispiel aus dem Bereich des NDR sind die Geschichten "Neues aus Waldhagen", eine Ende 1955 gestartete Schulfunk-Reihe für den Gemeinschaftskunde-Unterricht der 4. bis 6. Jahrgangsstufen.

Was zwar weniger bekannt ist, aber ebenso zu den schulischen Radioerlebnissen zählt: Nicht nur die norddeutsch anmutende Nahwelt des fiktiven "Waldhagen" zog die Hörer in ihren Bann, auch die - noch nicht so einfach wie heute zu erfahrende - europäische Nachbarschaft lockte.

Das politische und das kulturelle Gesicht Europas

Das Thema Europa wurde Mitte der 50er-Jahre in der politischen Bildung und im Erdkunde-Unterricht aufgegriffen. In diese Zeit fielen die ersten Bemühungen um ein gemeinsames Europa: 1957 wurden die "Römischen Verträge" unterzeichnet, die die Grundlage der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) bildeten. Das europäische Staatengebilde erhielt langsam ein politisches Gesicht.

Daneben sollte Europa aber auch "kulturelle Identität" bedeuten. Hier setzte die gleichnamige Schulfunk-Sendereihe des NDR an. Sie startete im Winterhalbjahr 1957 im Rahmen des Erdkunde-Unterrichts und blieb bis 1969 - teils wöchentlich, teils 14-tägig - im Programm. Joachim Brendel, lange Jahre zuständiger Redakteur diese Reihe, hielt den Ansporn der Radiomacher in einer Schulfunk-Broschüre 1965 fest, dass "gemessen an Deutschland und an den anderen Erdteilen Europa m.E. im Schulfunkprogramm nicht genügend berücksichtigt" werde.

Ein Europa der gefährdeten Natur

Zu den Bildern von Europa, die die Hamburger Schulfunk-Verantwortlichen deshalb entwarfen, gehörte zunächst einmal ein Europa mit vielen großartigen Naturräumen. Mit den Erzählern konnten die Schülerinnen und Schüler in den zehnminütigen Sendungen auf Reisen gehen: nach Nordschweden und in die Tundra, auf Fischfang zum Nordmeer, auf den Olymp und über die Hochebene Kastiliens.

Ihnen begegnete allerdings alles andere als eine ungefährdete Natur. Viele der "Europa"-Beiträge berichteten darüber, wie die unberührte Wildnis immer weiter zurückging und immer mehr Gebiete von der Industrie erschlossen wurden. Selbst vor den noch so ursprünglich erscheinenden skandinavischen Länder machte die Modernität nicht Halt: Der Reisende musste tiefer und in immer entlegenere Gebiete vordringen, um noch Wildnis und Natur zu erleben.

Ein Europa der Kulturvielfalt

Daneben präsentierte sich Europa als vielfältiger Kulturraum. Die weitgereisten Erzähler, die durch die Sendungen führten, stellten die Merkmale und Eigenheiten der jeweiligen Länder vor. Sie geleiteten die Schüler durch die fremden Kulturen, meistens fernab der bekannten Ziele. Es waren persönliche und individuelle Reisen, die einen Einblick in das "Ursprüngliche" und "Natürliche" gewährten. Die Fremdenführer vermittelten das Leben der fremden europäischen Kulturen.

Ein buntes Europa, ein Europa der regionalen, ethnischen, sprachlichen und weltanschaulichen Vielfalt wurde vorgestellt. Für den jeweiligen Erzähler, der die fremden Länder in die Klassenzimmer brachte, stellte diese Vielfalt nie ein Problem dar, sondern eher sogar eine gewisse Freiheit. Die sprachliche und kulturelle "Andersartigkeit" war kein Hindernis, sondern förderte im Gegenteil sogar das Kennenlernen der fremden Kultur.

Das zeigte sich häufig daran, dass der fiktive Reisende bei Einheimischen im engsten Kreis der Familie wohnte und so ganz in die Kultur eintauchen konnte. Dabei verlor das Fremde nie ganz seine Andersartigkeit – Differenzen wurden herausgearbeitet, konnten aber problemlos nebeneinander existieren. Die Botschaft für die Schüler lautete klar: Unterschiede sind überwindbar; wir können in dem so facettenreichen Europa nebeneinander leben.

Ein geteiltes Europa

Die NDR Schulfunk-Reihe stellte Europa gleichwohl immer wieder auch als zwischen Ost und West geteilt dar. Europa war durch den Eisernen Vorhang getrennt. Die starken Gegensätze wurden in Reiseberichten über Länder wie Bulgarien, Polen und Rumänien behandelt.

Aus den Sendemanuskripten lässt sich eine klare Kritik an der Planwirtschaft und an dem kommunistischen Regime herauslesen. Die Allmacht des kommunistischen Staates wird anhand von Arbeitsplänen, festgelegten Löhnen und landwirtschaftlichen Anbauplänen thematisiert: "Ihr wißt, daß in den Ostblockländern vom Staat Arbeitspläne aufgestellt werden", berichtet der Guide in der Sendung "Polen - Stahl aus Nova Huta" (10.1.1966). Sieben Tage später berichtet der gleiche Führer, wie vor allem in Ungarn und Polen der Unwille der Bevölkerung allmählich wächst und die Produktion nicht ausreicht.

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