Stand: 13.07.2011 15:29 Uhr

Axel Eggebrecht und das NDR "Nachwuchsstudio"

Für viele angehende Journalistinnen und Journalisten bedeutete ein Kurs im "Nachwuchsstudio" den Start in die Rundfunkarbeit und den Beginn einer Karriere in Radio oder Fernsehen. Was verbarg sich hinter diesem Studio, das am 1. April 1963 gegründet und zu dessen erstem Leiter der renommierte Journalist Axel Eggebrecht berufen wurde?

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Axel Eggebrecht, Leiter des NDR "Nachwuchsstudios" von 1963 bis 1971 (Foto: 1963).

Mit der Gründung einer Einrichtung zur Nachwuchsausbildung reagierte der NDR auf Vorwürfe der Konkurrenten aus den großen Verlagshäusern. Sie hatten dem öffentlich-rechtlichen Sender vorgehalten, allzu oft die im Pressevolontariat gut geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzuwerben statt in eine eigene Ausbildung zu investieren.

Da sich der Kampf zwischen Verlegern und Rundfunkverantwortlichen einmal mehr zugespitzt hatte, sollte zumindest auf diesem Feld Abhilfe geschaffen werden. Der NDR wurde 1962/63 zum Vorreiter einer Entwicklung, die Anfang der 80er-Jahre in eine regelmäßige Volontärsausbildung münden sollte.

Vorbild "Rundfunkschule"

Die Idee dazu kam von Hörfunk-Programmdirektor Franz Reinholz und von Wolfgang Jäger, Hauptabteilungsleiter und Reinholz' designierter Nachfolger. Sie entwickelten in zahlreichen Gesprächen die Pläne. Hamburg hatte als Standort Tradition in der rundfunkjournalistischen Ausbildung. 1947 hatte der damalige Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit der "Rundfunkschule" schon einmal eine Ausbildungsstätte gegründet, die beispiellos war. Vorbild war damals die "Training School" der BBC. Die "Rundfunkschule" übte in der Nachkriegszeit 1947/48 mit jungen Leuten die Arbeit in einem und für einen neuen, demokratischen Rundfunk ein. Mit großem Erfolg, wie sich in späteren Jahre zeigte.

Teilnehmer der NWDR Rundfunkschule (1947).

Zu Beginn der 60er-Jahre geriet speziell das Radio in die Krise. Es verlor seine Rolle als Leitmedium immer stärker an das Fernsehen. Auch gesellschaftlich bahnte sich ein Umbruch an - eine neue, kritische Medienöffentlichkeit setzte sich durch. Der NDR reagierte mit einer Ausbildungsoffensive und der Gründung des "Nachwuchsstudios". Zum Leiter der neuen Einrichtung berief man eine Persönlichkeit, die inzwischen zu einer Radiolegende geworden war: den Hamburger Journalist Axel Eggebrecht. Er verkörperte wie kaum ein anderer die leidenschaftliche Arbeit im und mit dem Medium Radio.

Schon zu Lebzeiten eine Legende: Axel Eggebrecht

Eggebrecht, freier Schriftsteller und Publizist, übernahm die neue Rolle als Mentor des Nachwuchses. Von 1945 an hatte der gebürtige Leipziger als festangestellter Redakteur den NWDR mitaufgebaut, seine Programme mitgeprägt und an der "Rundfunkschule" des NWDR unterrichtet. 1949 hatte er seine Position in einem Streit um die politische Entwicklung der neu gegründeten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt gekündigt und fortan nur noch freiberuflich für den Rundfunk geschrieben. Zu Beginn der 60er-Jahre näherten sich der engagierte Journalist und sein "Haussender" NDR einander wieder an. Mit der Übertragung der neuen Aufgabe als Leiter des "Nachwuchsstudios" sollte auch die Aufbauleistung Eggebrechts für den Rundfunk in Norddeutschland gewürdigt werden.

Auf Themenfindung

Zum 1. April 1963 startete der erste sechsmonatige Kurs des "Nachwuchsstudios". Die Presse reagierte zustimmend: "Der NDR zieht seinen Nachwuchs selbst heran" und "Ohne Nachsicht: Ran ans Mikrophon!" titelten der "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Hannoversche Presse". Die Wochenzeitung "Die Zeit" würdigte kurz nach dem Start der Ausbildungseinrichtung bereits die hörbaren Erfolge, nämlich die Sendereihe "60 Minuten aus dem Nachwuchsstudio".

In dieser, während der halbjährigen Kurslaufzeit wöchentlich ausgestrahlten Sendereihe stellten die angehenden Journalistinnen und Journalisten ihre Schreib- und Sprecherfolge unter Beweis. Von zunächst 60 Minuten reduzierte man die Sendedauer auf Wunsch der angehenden Journalisten vom zweiten Kursus an auf eine halbe Stunde. Die Themen entstanden durch die Arbeit in den verschiedenen Redaktionen. Sie kennenzulernen war - neben der Bearbeitung der einzelnen Themenbereichen - wichtigster Bestandteil der Ausbildung.

Franz Reinholz, Programmdirektor Hörfunk  (1962 - 1966 und 1967 - 1972) © NDR

Franz Reinholz über Axel Eggebrecht

Franz Reinholz, Programmdirektor Hörfunk zum 70.Geburtstag von Axel Eggebrecht

Keine Angst vor dem "Verlieren des Fadens"

Das Spektrum der im NDR Schallarchiv vorhandenen Sendungen dieser Reihe ist bunt gemischt, der Schwerpunkt lag auf aktuellen gesellschaftlichen Themen. "Die Betreuung spanischer Gastarbeiter", "Pendler zwischen Stadt und Land", "Das Freizeitverhalten von Arbeitern in Kiel und Bad Schwartau" oder "Aussiedler aus Polen und der CSSR" lauteten die Titel einiger Beiträge. Eggebrecht legte Wert darauf, dass die Texte von den Autorinnen und Autoren live vorgelesen wurden, dass die Sendungen also nicht vorproduziert wurden. Versprecher und das "Verlieren des Fadens" gehörten zum Radiomachen dazu.

In der Regel mischte sich Axel Eggebrecht nicht in die Manuskripte ein; er erzählte Geschichten, beeindruckte durch sein druckreifes Sprechen. Doch gelegentlich kam es auch zu Diskussionen zwischen ihm und dem Nachwuchs, etwa wenn Eggebrecht nachdrücklich darum bat, eine allzu scharf formulierte These mit einem Fragezeichen zu versehen, um sie dem Hörer gegenüber zur Diskussion zu stellen. In solchen Momenten war in den Gesprächen mit den Absolventen der Zeitgeist der 60er-Jahre zu spüren: das kritische Hinterfragen, das mitunter weitergehen konnte als die immer auch auf Ausgleich bedachte Position Eggebrechts.

Die Liebe zum gesprochenen Wort

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NDR Redakteur Baldur Filoda entwickelte u. a. ab 1988 das neue Radioprogramm NDR 4 mit (1978).

In einer Sache war man sich jedoch einig: der Wertschätzung des Radios. Eggebrechts schriftstellerisches und journalistisches Werk war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges untrennbar mit dem Hörfunk verbunden und die angehenden Journalistinnen und Journalisten waren begeisterte Radiohörer. Für die spätere NDR Redakteurin Charlotte Drews-Bernstein, Absolventin des ersten halbjährigen Kursus, war es das Radio, mit dem man Geschichte und Geschichten erzählen konnte. Ihr Kollege Baldur Filoda gibt sich im Interview als passionierter Radiohörer zu erkennen, der seine Ausbildung mit dem Ethos: "Wir wollten den Rundfunk immer besser machen" anging.

Was im Mai 1963 zunächst als Testfall gedacht war, entwickelte sich zu einer langjährigen Einrichtung. 1971 legte Axel Eggebrecht sein Amt als Ausbilder nieder, das "Nachwuchsstudio" wurde ab 1. Oktober 1971 von Fritz Raab weitergeführt. Inzwischen gab es auch auf ARD-Ebene eine Kommission, die generelle Richtlinien für die Nachwuchsausbildung aufstellen sollte. Eine systematische Ausbildungspraxis in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zeichnete sich ab. Seit dem 1. Oktober 1981 gehört das Programm-Volontariat zum Ausbildungsangebot des NDR.

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