Stand: 26.03.2008 11:51 Uhr

"Blogger schaffen sich persönliche Öffentlichkeiten"

Der Suchmaschinendienst Technorati zählt über 110 Millionen Blogs weltweit, in Deutschland gibt es laut dem Projekt "Blogcensus" rund 200.000 aktive Webschreiber. Die Debatte um die Online-Journale gewinnt derzeit wieder an Schärfe, Journalisten und Blogger reiben sich gern aneinander. Die Spannweite der Diskussion reicht von dem Vorwurf, dass Blogs belanglos seien, bis hin zu der These, dass sie die Medienlandschaft revolutionierten. Der Soziologe Jan Schmidt arbeitet am Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und beschäftigt sich mit dem Phänomen. Er rät, Blogger nicht an den Maßstäben des professionellen Journalismus zu messen. Vielen gehe es nicht in erster Linie ums Publizieren, sondern darum, Kontakte zu Freunden zu pflegen. Außerdem dienten Blogs als Wissensspeicher und Informationsfilter. Ein Interview mit dem "bloggenden Blogforscher".

NDR Online: Als Blogs populär wurden, lautete die gängige Definition: Das sind Online-Tagebücher, in die Menschen ihre persönlichen Erlebnisse schreiben. Gilt das heute noch?

Jan Schmidt: Weblogs lassen sich nicht mehr auf Online-Tagebücher reduzieren. Sie dienen auch als Wissensspeicher und Informationsfilter: Blogger empfehlen und kommentieren Seiten, auf die sie im Netz stoßen. Heute findet man in der Blogosphäre (Anm. d. Red.: die Gesamtheit aller Weblogs) eine ungeheure Vielfalt. Menschen schreiben über rein Persönliches, andere ausschließlich über Themenbereiche, in denen sie Experten sind, und wieder andere betreiben eines aus beruflichen Gründen.

NDR Online: Was macht ein Blogforscher den ganzen Tag?

Jan Schmidt: Meine Arbeit besteht darin, einen Überblick über in Fachzeitschriften erscheinende einschlägige Artikel zu behalten. Auch die Erstellung von Studien zählt zu meinen Aufgaben. Und ich verfolge eine Reihe von Weblogs, um ein Gespür dafür zu bekommen, welche Diskussionen gerade laufen. Dazu gehören Weblogs von Kollegen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema befassen und Weblogs von Leuten, die man als Internet-Experten bezeichnen kann. Aber ich lese auch Seiten von Freunden, die eher über persönliche Dinge schreiben.

NDR Online: Wie viele Weblogs lesen Sie?

Jan Schmidt: Rund 100 abonniere ich via RSS.

NDR Online: Sie bloggen auch?

Jan Schmidt: Ich bezeichne mich selbst als "bloggenden Blogfoscher". Ich führe ein eigenes Weblog, in dem ich Ergebnisse meiner eigenen Überlegungen und Vorträge dokumentiere. Ab und zu schreibe ich über Besuche im Fußballstadion.

NDR Online: Erhalten Sie über Blogs eine besondere Art von Informationen, die sie sonst nicht bekommen?

Jan Schmidt: Ja, gerade was die Einschätzung von Internettrends angeht. Blogger liefern Informationen, die klassische Online-Medien nicht bieten. Die Angebote ergänzen sich.

NDR Online: Sie sagen, dass Blogs als Wissensspeicher funktionieren. In der hitzig geführten Diskussion um Blogs taucht aber immer wieder das Urteil auf, dass sie "völlig belanglos" seien.

Jan Schmidt: 99 Prozent der Weblogs sind für den Durchschnittsnutzer tatsächlich belanglos, weil er keinerlei persönliche oder thematische Verbindung zu der schreibenden Person hat. Berichte aus dem Ski-Urlaub einer fremden Person zu verfolgen - das ist wenig spannend. Doch das eine Prozent der Weblogs, das meine Interessen trifft, geschrieben von Personen, die ich tatsächlich kenne - diese Blogs können relevant sein. Sie geben den Lesern die Möglichkeit, über bestimmte Erlebnisse und Themen auf dem Laufenden zu bleiben.

NDR Online: 99 Prozent - dann sind die Klagen über bedeutungslose Inhalte doch berechtigt?

Jan Schmidt: Da werden meines Erachtens nach falsche Maßstäbe angelegt, nämlich die des professionellen Journalismus. Die meisten Blogger verstehen sich aber nicht als Journalisten, es geht ihnen nicht darum, gesellschaftlich relevante Inhalte zu veröffentlichen. Weblogs werden geführt, um Dinge von persönlicher Relevanz auszudrücken. Blogger schaffen sich ihre eigenen, persönlichen Öffentlichkeiten. Und aus Sicht des einzelnen Bloggers ist von Bedeutung, dass seine Katze zum Tierarzt musste, auch seine zehn mitlesenden Freunde interessiert das. Der Rest der Internetnutzerschaft will das nicht wissen - allerdings wird ja auch niemand gezwungen, das zu lesen. Im Netz ist Platz für alle.

NDR Online: Was motiviert Menschen, einen Blog zu führen?

Jan Schmidt: Sie wollen Ideen, Gedanken und Erlebnisse festhalten, es macht ihnen Spaß. Manche geben an, dass sie gern schreiben. Soziologisch betrachtet: Bloggen geschieht selten aus reinem Selbstzweck oder weil die Leute journalistisch arbeiten wollen. Indem Blogger sich selbst und ihre Interessen im Netz darstellen, modellieren sie ein Bild von sich. Es dient dazu, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. In wissenschaftlichen Publikationen spreche ich von "Identitäts- und Beziehungsmanagement".

NDR Online: Der Vorwurf der Bedeutungslosigkeit markiert nur das eine Extrem in der Diskussion um Blogs. Für andere wiederum sind sie das "Werkzeug der Medienrevolution". Der Autor Erik Möller beispielsweise stellt diese These in seinem Buch "Die heimliche Medienrevolution" auf.

Jan Schmidt: Bis zu einem gewissen Grad hat er Recht. Weblogs ermöglichen auch Menschen ohne technische Kompetenzen das Veröffentlichen ihrer Gedanken und Meinungen. Sie stehen in der Tradition der Bürgermedien. Aber Blogs als Werkzeug, das die komplette Medienlandschaft umkrempelt? Das ist übertrieben. Zumindest in Deutschland werden sie ein Nischenphänomen bleiben. Im Moment sind wir bei weit unter zehn Prozent Weblognutzern unter den Onlinern. Mit unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem und politisch sehr unterschiedlich positionierten Zeitungen und Magazinen haben wir ein vergleichsweise qualitätsvolles Mediensystem. In den USA ist die Situation anders, da sind Weblogs im politischen Bereich sehr viel einflussreicher, weil das Bedürfnis nach einer kritischen Öffentlichkeit stärker ausgeprägt ist. Das hat sich beispielsweise im Zusammenhang mit dem Irakkrieg gezeigt. Viele Amerikaner hatten zu Beginn des Krieges das Gefühl, dass sie unzureichend informiert wurden und wandten sich Weblogs zu. Es gab einen regelrechten Boom.

NDR Online: Das populäre "Bildblog" zählt im Monat um die 1,4 Millionen Besuche - kann man da noch von einem "Nischenphänomen" sprechen?

Jan Schmidt: Das Bildblog gehört zu den sogenannten A-List-Blogs. Das sind viel gelesene Angebote, die eine hohe Reichweite erzielen. A-Blogger sind so etwas wie Meinungsführer innerhalb der Blogosphäre. Die gibt es, doch die überwiegende Mehrheit der Blogs hat nur eine sehr kleine Leserschaft von vielleicht 10 bis 50 Nutzern. Da sind wir wieder bei dem Phänomen der persönlichen Öffentlichkeiten.

NDR Online: Empfinden Journalisten Blogger als lästige Konkurrenz?

Jan Schmidt: Wir haben eine Berufsgruppe, die zu Recht einen Stolz daraus entwickelt hat, dass sie mit professionellen Regeln und ethischen Standards Themen setzt und Aufmerksamkeit kanalisiert. Manche Journalisten scheinen irritiert, dass plötzlich im Netz neue Öffentlichkeiten entstehen, in denen über ähnliche Themen wie im Journalismus gesprochen wird - aber mit anderen Regeln und anderer Dynamik. Das Irritierendste ist vielleicht, dass Blogger Journalisten kritisieren.

NDR Online: Die meisten Links in Blogs gehen auf Artikel klassischer Medien.

Jan Schmidt: Ja. Wobei noch keine Zahlen vorliegen, ob Blogger eher kritisieren oder Artikel begeistert weiter empfehlen. Letztlich helfen Blogger, journalistisch professionell veröffentlichte Inhalte zu verbreiten.

NDR Online: Erleben wir durch Blogs eine Renaissance der politischen Diskussionskultur? Schließlich sind Blogger gezwungen, ihre Standpunte mit Argumenten zu untermauern, um andere zu überzeugen.

Jan Schmidt: Die meisten Blogger schreiben nur über rein persönliche Themen. Es ist eher so: Die ohnehin politisch Interessierten haben mit Weblogs ein weiteres Werkzeug zur Verfügung, um ihre Ziele durchzusetzen. Die deutschsprachige Blogosphäre ist beispielsweise sehr stark im Bereich der digitalen Bürgerrechte. Sie hat die Proteste gegen die Vorratsdatenspeicherung oder die Online-Durchsuchungen teilweise koordiniert. Pessimistisch gesehen geht die Schere zwischen den politisch Versierten und den Nicht-Versierten noch weiter auseinander.

Interview: Meike Richter

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