Stand: 27.10.2008 16:19 Uhr

"Sportclub" diskutiert über "Homosexualität im Profifußball" - Spieler fordern mehr Toleranz

Als erste Sportsendung hat sich der "Sportclub" im NDR Fernsehen am Sonntag, 26. Oktober, dem Thema "Homosexualität im Profifußball" angenommen. Marcus Urban stand als DDR-Juniorennationalspieler kurz vor dem Sprung in den Profifußball. Doch er entschied sich gegen eine Karriere als Fußballer. Denn Urban ist schwul. Er wollte seine Neigung nicht länger unterdrücken. "Ich habe mir eingeredet, du bist Fußballer und kannst nicht schwul sein. Das war natürlich eine Farce."

Prof. Dr. Martin Schweer, Sportpsychologe der Universität Vechta, berät homosexuelle Profisportler. Er sagt, dass durch das Doppelleben homosexueller Profis die Leistungsentwicklung dauerhaft gehemmt wird. "Es kann zu psychischen Beeinträchtigungen kommen, bis hin zu beispielsweise depressiven Verstimmungen. Homosexuelle Spieler müssen sich verstecken und permanent Strategien entwickeln, damit das Bild eines Heterosexuellen aufrechterhalten wird."

Urban hat sich geoutet, doch nach wie vor ist Homosexualität im Fußball ein großes Tabu-Thema. "Eine Schwierigkeit ist die Körperlichkeit, die im Fußball herrscht. Es geht darum, dass eine Mannschaft als Gruppe funktionieren muss", erklärt Urban. "Ein Fremdkörper, jemand der anders ist, würde diese Gruppendynamik stören."

Dieter Hecking, Trainer von Hannover 96, ist "sich dieser Problematik sehr bewusst". Er sagt: "Es ist viel Scheu da bei Leuten, die nicht homosexuell sind, schwulen Spielern eine Chance zu geben." Christian Schulz (Hannover 96): "Ein Outing stelle ich mir schwer vor. Man weiß nicht, wie die Fans reagieren."

Prof. Dr. Martin Schweer macht in der Gesellschaft ein Problem in den "Köpfen der Menschen" aus. "Für viele ist es eben so, dass etwas was männlich ist, nicht auch gleichzeitig schwul sein kann. Fußball ist in erster Linie männlich, dominant, und mit entsprechenden Attributen versehen. In diesem Bereich ist die Homophobie am stärksten ausgeprägt. Da passt Homosexualität nicht hin." Daher rät er keinem Spieler zu einem Outing. "Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Aber zur heutigen Zeit muss man sicher entsprechend negative Konsequenzen fürchten. Die folgen eines Outings sind gar nicht absehbar, weil es keine Vergleichsfälle gibt."

Hanno Balitsch, Kapitän von Hannover 96: "Es ist ein Tabu-Thema und dadurch traut sich auch niemand, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich wünsche mir mehr Toleranz." Auch Stefan Wessels, Torwart des VfL Osnabrück, fordert mehr Toleranz - vor allem in den eigenen Reihen: "Man ist auch als Mannschaft gefragt. Die müsste das tolerieren und es dem Spieler möglichst einfach machen. Ich denke, dass es für den ersten Spieler nicht einfach werden würde. Aber je mehr sich outen würden, desto normaler würde das."

Klaus Allofs, Sportdirektor von Werder Bremen, würde einen homosexuellen Spieler unter Vertrag nehmen: "Wenn uns ein schwuler Spieler hilft, Spiele zu gewinnen, dann wäre er nicht nur von uns als Verein, sondern auch vom Publikum akzeptiert."

In der Sonntagsfrage des Sportclubs wurde gefragt: "Sollten sich homosexuelle Fußballer outen?" 76 Prozent der Anrufer stimmten für "Ja", 24 Prozent stimmten gegen ein Outing.


27. Oktober 2008 / RP

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