Stand: 14.02.2017 15:11 Uhr

Zeiterfahrung als Lebensgefühl

Er hat sie gelesen, gesammelt und gedeutet: die Geschichten, die das Leben erzählen. Als Jurist, Kirchenmusiker, Filmemacher, Drehbuchautor und Schriftsteller pendelt Alexander Kluge zwischen den Fakultäten und den Genres, zwischen dem bewegtem Bild und dem gedrucktem Buch. Am 14. Februar hat er seinen 85. Geburtstag gefeiert. Ein Anlass, mit ihm auf sein Werk zurückzublicken, aber auch auf das, was er immer versucht hat: die Wirklichkeit im Hier und Jetzt zu fassen.

NDR Kultur: Sehr herzliche Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag, Herr Kluge. Im Rückblick auf Ihr sehr markantes zweibändiges Werk "Chronik der Gefühle", das im Jahr 2000 erschien und die 2015 erschienene Chronik "Kongs große Stunde" kann man sagen, dass Sie als Chronist durch das Leben gehen. Was aber unterscheidet Sie von einem Historiker?

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Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge feiert seinen 85. Geburtstag.

Alexander Kluge: Ich respektiere, achte und liebe Historiker sehr. Trotzdem haben sie einen etwas anderen Beruf. Bei der "Chronik der Gefühle" oder beim Untertitel des neuen Buchs "Kongs große Stunde", "Chronik des Zusammenhangs", sind "Zusammenhang" und "Gefühl" etwas, was sie mit wissenschaftlichen Methoden nicht ohne Weiteres erreichen können. Das Erzählen in literarischer und in filmischer Form hat größere Erlaubnisse. Ich darf zum Beispiel auch Märchen erzählen - und das darf ein Historiker nicht. Historker sind die disziplinierte Art dessen, was ich treibe.

Vielleicht ermöglicht es Ihnen auch, intensiver in die Innenwelt zu leuchten, die Sie austarieren und ausloten, und die Gefühle, die Sie aus bestimmten Zeitkontexten zu reaktivieren. Warum gehen Sie diesen Weg? Welche Rolle spielen vergangene Gefühle in der Gegenwart?

Kluge: Diese Gefühle sind ja nicht vergangen. Wenn Sie diese Gegenwart, von der Sie sprachen, richtig lesen, dann können Sie sagen: Alle früheren Zeiten sind da drin. Wir haben jetzt den 4.0 Menschen, also die vierte Revolution, die digitale. Diese verändert sowohl die Menschen innen, wie die Wirtschaft und die Ökonomien außen. Gleichzeitig sind alle übrigen Zeiten bis zurück zur Stammesgesellschaft und dem Prinzip Mündlichkeit, in dem auch unsere Kinder aufwachsen, immer auch präsent. Das heißt also, unsere Gefühle haben immer alle Zeitalter gleichzeitig in sich, wenn sie gegenseitig sind.

Aber können erlebte, vergangene Gefühle nicht auch trügen, die reale Situation abblenden, eintrüben, verzeichnen?

Kluge: Das tun sie oft. Aber es geht gar nicht um vergangene Gefühle, es geht um jetzige Gefühle. Wenn ich schreibe, gehe ich von den Gefühlen meiner Leser und von meinen Gefühlen aus. Auch wenn ich ein 13-jähriger Junge in meinem Inneren bin, schreibe ich dennoch für das Jahr 2017.

Sie haben unmittelbar nach der Wahl von Donald Trump in einem Interview gesagt, dass Sie am meisten bewegt habe, wie wenig wir alle gemeinsam die Schrift an der Wand und das Kleingedruckte davon gelesen haben. Hätte uns das Gedächtnis der Gefühle da nicht stärker sensibilisieren müssen?

Buchtipp

Chronik des Zusammenhangs

"Kongs große Stunde" von Alexander Kluge ist ein Kaleidoskop von vielen individuellen, hoch emotional besetzten Aufsätzen. Seine kleinen Geschichten sind messerscharfe Beobachtungen. mehr

Kluge: Aber mit Sicherheit. Niedergehende Industrien, wie im sogennanten "Rust Belt" der USA, dieser Industrieeinöde mit lauter Industrieruinen, leben Menschen und müssen es aushalten. Sie können sich in dieser Wirklichkeit nicht wohlfühlen - und trotzdem leben sie dort diszipliniert. Und daraufhin wählen sie wenigstens am Washingtoner Himmel einen märchenhaften Mann, der alles das tut, was sie sich jetzt versagen. Das ist eine der Erklärungen für den überraschenden Sieg von Trump - es gibt noch mehr. Und wenn jetzt ein Kind im Weißen Haus Eisenbahner spielt, ist es genau so gefährlich, wie wenn man in der Kommandozentrale eines Kernkraftwerks wäre. Das kommt mir sehr unheimlich vor. Aber das hätte man auch früher schon lesen können.

Altes, Vergangenes kombinieren Sie in Ihrem Werk neu. Das erinnert an Walter Benjamin: Seine Alltagsbeobachtungen hat er flüchtig aufgeschrieben, hat sein Innenleben daran gespiegelt und in einen neuen, modernen Zeitkontext gebracht. Fühlen Sie sich da in einer Nähe zu Walter Benjamin?

Kluge: Das ist mein großer Meister und mein Vorbild - genauso wie Adorno. Ich bin mit einer gewissen Demut - denn unsereins ist klein mit Hut gegen diese Meister - die ganze Zeit dabei, als Hilfsgärtner an diesem Garten der kritischen Theorie poetisch weiterzuarbeiten.

Mit welchen Gedanken, mit welchen Gefühlen sehen Sie in die Zukunft?

Kluge: Ich würde arbeiten. Walter Benjamin zum Beispiel hat ein großes Buch, eine bewundernswerte Sammlung gemacht: "Das Passagen-Werk". Das kann man mit Blick vom 21. Jahrhundert versuchen, in kleiner Münze weiterzuschreiben. Weiterarbeit ist eigentlich das, was in einem unheimlichen Zeitalter die richtige Antwort ist.

Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge. © imago/Hoffmann

Zeiterfahrung als Lebensgefühl

NDR Kultur -

Der Filmemacher Alexander Kluge feiert seinen 85. Geburtstag. NDR Kultur blickt mit ihm auf sein Werk zurück.

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NDR Kultur | Journal | 14.02.2017 | 19:00 Uhr