Stand: 24.05.2017 01:42 Uhr

Hamburg Sounds: Eine Verbeugung vor den Beatles

von Peter Helling

Jochen Distelmeyer hat am Dienstagabend im Rahmen von Hamburg Sounds ein exklusives Konzert im NDR Radiohaus gespielt. Zuvor brachten The Caper feinsten English-Pop auf die Bühne. Die Konzertkarten gab es nicht zu kaufen, sondern nur im NDR 90,3 Online-Quiz zu gewinnen.

Jochen Distelmeyer hat diese gläsern-klare Stimme, die ihn unverwechselbar macht. Da steht er, passenderweise im geblümten engen Hemd: Er und seine Band Blumfeld begründeten den legendären Ruf der sogenannten Hamburger Schule. Das war deutscher Pop der 80er- und 90er-Jahre mit klugen Texten, immer sehr intellektuell, randvoll mit dem Weltschmerz genialer Jungs.

The Caper bei Hamburg Sounds im NDR Radiohaus © NDR Fotograf: Thomas Jähn

The Caper live bei Hamburg Sounds

NDR 90,3 - Hamburg Sounds -

The Caper haben live bei Hamburg Sounds gespielt. Hier können Sie den Auftritt der Band noch einmal erleben, in voller Länge.

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Der freundliche Schlaks

Jochen Distelmeyer: Die Haare glatt und halblang, sein Gesicht hat ein bisschen was von einer unnahbaren asiatischen Sphinx. Dieser lange Schlaks reißt mit - aber er tut es auf seine distinguierte, fast hamburgische Weise. Einer seiner ersten Songs an diesem Abend ist von der Band Supertramp: "Take A Long Way Home". Für sein aktuelles Album "Songs From The Bottom, Vol. 1" hat Distelmeyer bekannte Titel gecovert - auch wenn das Wort "covern" ein bisschen nach Abi-Band oder Schützenfest klingt. Weit gefehlt.

Musik voller intelligenter Erotik

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Hauchend, sinnlich, leidenschaftlich - Jochen Distelmeyer verleiht so manchem altbekannten Pop-Hit in seinen Cover-Versionen neues Leben.

Moderator Christian Buhk fragt Distelmeyer auch gleich, wie er das gemacht habe, sich ganz fremde Songs anzueignen. "Ich sag' immer, man muss eigentlich keine eigenen Songs schreiben. Wenn es genügend gute andere Songs gibt, reicht es, wenn man fremde Lieder singt." Dass auch ein Hit von Britney Spears dabei ist, die ja als ziemlicher Pop-Mainstream gilt, verwundert schon. Sobald Jochen Distelmeyer aber zusammen mit Friedrich Paravicini am E-Piano Spears' "Toxic" anstimmt, sind alle Zweifel vergessen. Er kitzelt diese typische Britney-Spears-Erotik heraus, gibt ihr den ganz eigenen männlich-soften Touch. Das hat Sex.

Und nach jedem noch so hingehauchten Song kommt ein höfliches "Danke" an seine Zuhörer, fast verwundert, wie viel Begeisterung auch in einem so exklusiven Publikum wie bei Hamburg Sounds steckt. Und mehrfach animiert er seine Hörerschaft zum Mitsingen, danach haucht er jedes Mal ein anerkennendes "Nice" in sein Mikro.

Blick in den Himmel

Seine Version von Lana del Reys "Videogames" ist ein Höhepunkt, der Song so lasziv und verführerisch, dass man das Original fast vergisst. Oder die Britpop-Hymne "Bitter Sweet Symphony". Das Publikum ist hingerissen, obwohl für einige hier Distelmeyers Musik Neuland ist: "Traumhaft! Ich kannte diesen Sänger gar nicht. Ich fand's supertoll, dass er noch deutsch gesungen hat, fand ich fast noch schöner als seine englischen Songs." Oder: "Wir kommen normalerweise von einer anderen Musikrichtung, Jazz und Klassik, und waren positiv überrascht." - Das Konzept von Hamburg Sounds geht auf.

Sein letzter Song ist "Free As A Bird", ausgerechnet der Song, den John Lennon kurz vor seiner Ermordung skizziert hat. Eine Beatles-Hymne, die Distelmeyer so viel zu bedeuten scheint, dass er plötzlich komplett abbricht, weil er unzufrieden ist. "Ein Sakrileg", sagt er - und blickt fast entschuldigend nach oben, vielleicht zu John in den Himmel? - um nochmal zu starten. Diesmal sitzt der Titel perfekt.

Distelmeyer hüllt große Hits in sanftes Gewand

Frischer neuer Sound mit The Caper

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Florian Jakob ist Frontmann und Sänger der Band The Caper.

Die Beatles - ihre Musik, ihr Stil ziehen sich als musikalischer Leitfaden durch den Abend. Denn begonnen hat das Hamburg Sounds Konzert mit einem ganz frischen Sound der Stadt, mit der jungen Band The Caper. Vier Jungs aus Hamburg, Florian Jakob ist der Kopf der Band. Dass die Beatles aus Liverpool im Plattenschrank seiner Eltern standen, war sicher sein persönlicher Urknall als Musiker: "Ich bin irgendwann nach Liverpool gegangen, um zu studieren, mangels einer anderen Idee damals", und der schüchterne Vater von zwei Kindern lächelt dabei bescheiden.

Songs für die eigenen Kinder

Die berührendsten Songs von The Caper sind dann auch zwei Lieder, die Florian Jakob nach der Geburt seines Sohnes und seiner Tochter geschrieben hat. The Caper: kraftvoll und dabei verspielt, basslastig und gleichzeitig mit dem freundlich-schrägen Schmelz der Beatles. Ein Zuhörer wünscht der Band ein bisschen mehr Biss, aber ihre Karriere beginnt ja erst. Was die Band jetzt schon auszeichnet: Charme, Understatement und die Lust am Erzählen. Das Konzert lässt neuen auf reiferen Hamburger Sound treffen, verbindet ihn mit dem mitreißenden Klang der Pilzköpfe aus England. Und das Publikum ist restlos begeistert.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburg Sounds | 23.05.2017 | 19:00 Uhr

Hamburg Sounds - Die Konzertreihe

Einmal im Monat präsentiert NDR 90,3 die Konzertreihe Hamburg Sounds: Junge Talente und bekannte Stars stellen ihre Songs im NDR Radiohaus 12 vor. mehr