Sendedatum: 26.08.2015 19:00 Uhr

Fehrs: Hamburg hat noch Potenzial zu helfen

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Bischöfin Fehrs nimmt bei NDR 90,3 zum Thema Flüchtlinge Stellung.

Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland. In Hamburg sind es jetzt mehr als 24.000. Die evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs ermutigt die Hamburger, Flüchtlinge in der Stadt weiterhin willkommen zu heißen. Im Interview mit NDR 90,3 sagte Fehrs, die große Zahl der Schutzsuchenden sei eine echte Herausforderung.

Die evangelische Kirche hat sich im letzten Jahr ganz stark eingesetzt, hat bei den Lampedusa-Flüchtlingen vermittelt und sich positioniert. Jetzt hört man wenig von der Kirche. Woran liegt das?

Kirsten Fehrs: Ich wage mal die Behauptung, dass es keine nichtstaatliche Organisation in Hamburg gibt, die sich so sehr um Flüchtlinge sorgt wie die evangelische Kirche. Es sind Tausende, die sich ehrenamtlich in den Kirchengemeinden und in den Einrichtungen der Diakonie engagieren. Die Nordkirche hat auch 3,25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um dieses Engagement der Ehren- und Hauptamtlichen vor Ort zu stützen. Denn es stimmt ja, dass die Herausforderung enorm ist, dass es die Menschen wirklich an die Grenzen bringt. Das merken wir in den Gesprächen mit den Behörden, mit dem Senat, mit den Kirchengemeinden vor Ort und der Diakonie. Es ist eine richtige Herausforderung, der wir uns als Kirche natürlich zuallererst stellen. Das ist unser Auftrag als Kirche. Und wir als Kirche wollen die Willkommenskultur in unserer Stadt, die jetzt schon gelebt wird, unterstützen und klar und eindeutig dahinterstehen.

Noch scheint die Sonne - es ist Sommer. Doch zum Winter wird die Lage komplizierter. Mit welchen Belastungen für die Hamburger rechnen sie?

Fehrs: Belastet sind ja erst einmal die Menschen, die zu uns gekommen sind. Belastet sind auch die Behörden, die Enormes leisten, was man auch wirklich einmal anerkennen muss. Belastet sind die Ehren- und Hauptamtlichen, die ganz viel tun wollen, um zu unterstützen. Aber mal ehrlich: Hand aufs Herz. Sind Sie oder ich belasteter, weil hier jetzt mehr Flüchtlinge sind? Wir beschäftigen uns damit, sorgen uns und überlegen, wie das weitergehen kann. Aber ist das eigentlich nur eine Last? Ich finde, dass es uns in den Diskussionen in der Gesellschaft auch voranbringt, weil auch die Frage gestellt wird: "Wie wollen wir in Zukunft in dieser Stadt leben?" Und das ist genau die richtige Frage: Dass wir nicht nur von den Herausforderungen als Problemen reden, sondern uns damit auseinandersetzen, wie sich unsere Stadtgesellschaft verändern wird. Und das ist doch auch eine enorme Chance.

Was erwarten Sie, was erhoffen Sie sich von den Hamburgern?

Fehrs: Ich erhoffe mir, dass diese Stimmung anhält, die man jetzt in vielen Stadtteilen spüren kann: Aufbruch, Zuwendung und die Suche nach einem sinnhaften Umgang mit dieser Sache, und zwar indem man wirklich täglich und im guten Sinne hilft. Wichtig bleibt, dass wir - trotz aller unterschiedlicher Positionen zur Asylpolitik - vieles sehr differenziert angucken müssen, und dass wir friedlich im Dialog bleiben.  Es ist gerade angesichts der Ausschreitungen wichtig, dass wir reden lernen müssen.

Man hat den Eindruck, dass der Diskurs gerade etwas blockiert ist, wenn ein rechtsextremistischer Mob in Heidenau für Schlagzeilen sorgt und Vizekanzler Gabriel von "Pack“ spricht. Wo verläuft die Grenze zwischen Asylkritikern, Menschen, die sachliche Einwände vorbringen, und Extremisten?

Fehrs: Wenn Menschen ihre Sorgen, Ängste und Befürchtungen etwa auf Informationsveranstaltungen, die es gibt, ausdrücken, und wenn man mit ihnen ehrlich nachdenkt, wie diesen Sorgen begegnet werden kann, finde ich es richtig. Genauso, dass man mit Menschen reden muss, was es bedeutet, wenn viele aus anderen Kulturen und Religionen bei uns leben. Aber es ist doch etwas total anderes, Flüchtlinge zu beschimpfen, vor Flüchtlingsheimen zu demonstrieren, Flüchtlingsunterkünfte anzugreifen und die Angst als Brandbeschleuniger zu benutzen. Gewalt gegenüber ohnehin traumatisierten Männern, Frauen und Kindern darf auf keinen Fall geduldet werden. Da müssen wir eine ganz klare Grenze ziehen. Und diese Verwischungen, als wäre es wirklich der besorgte Bürger, der da auf die Straße geht, da brauchen wir alle miteinander eine klare Position. Und das hören wir ja zum Glück jetzt auch allerorten, dass Bürger dagegen aufstehen und sagen: Gegen diese Art von Fremdenfeindlichkeit wehren wir uns. Und da stehe ich absolut dahinter.

Die Kirche betont oft, die Bibel sei ein Flüchtlingsbuch. Abraham, Joseph und dessen Brüder und auch Jesus: Alle wichtigen Akteure der Bibel waren Flüchtlinge. Auch Wirtschaftsflüchtlinge. Empathie für Flüchtlinge ist Christenpflicht. Aber heißt das auch, dass die Kirche für die völlige Freizügigkeit ist? Sollten alle Menschen, die wollen, kommen und bleiben dürfen?

Fehrs: Ich finde, dass wir als Kirche vor allem den Auftrag haben, für die Würde des Einzelnen einzutreten. Es ist nicht unsere Aufgabe, politische Konzepte herzustellen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, Sozialprognosen herzustellen. Wir müssen die Frage in der Gesellschaft wachhalten: Wie können wir gemeinsam eine Asylpolitik entwickeln und klare Regeln aufstellen, die dafür sorgen, dass der, der berechtigt ist, Asyl bekommt. Kann man nicht ein Einwanderungsgesetz schaffen, in dem die, die wir brauchen, auch wirklich kommen dürfen? Es gibt ja ganz eindeutige Hinweise, dass das, was derzeit an Asylpolitik geschieht, komplett versagt hat. Die Gesetzgebung geht an den Bedarfen wirklich aller vorbei. Diese Situation ist erkannt. Hier haben wir als Kirche die Aufgabe mitzuwirken und mitzusprechen. Unsere Perspektive ist der Auftrag, die Würde des einzelnen zu prüfen, für faire Verfahren zu sorgen und sich von Pauschalurteilen, wie beim Thema "Wirtschaftsflüchtlinge", fernzuhalten.

Viele Hamburger wollen helfen, wissen aber nicht richtig, wie. Was kann man tun? Und wie kann Hilfe besser organisiert werden?

Fehrs: Erst einmal passiert ja schon eine ganze Menge. In den vergangenen Monaten ist es schon oft gelungen, Kräfte zu bündeln. Aber es stimmt: Es wäre von Seiten der Stadt sehr hilfreich, wenn die Koordination noch klarer strukturiert wäre, sodass ich mich schnell an eine bestimmte Stelle wenden kann, wenn ich eine Frage habe. Hier läuft nach meinem Eindruck noch vieles unstrukturiert. Das zu unterstützen, bin ich natürlich sofort bereit. Ich meine, hier haben wir ein enormes Potenzial, bei dem die Hamburgerinnen und Hamburger sich gerne einbringen würden. Dazu würde ich sehr gern ermutigen.

Das Interview führte Daniel Kaiser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 26.08.2015 | 19:00 Uhr