Ulrike C. Tscharre: Im Angesicht schöner Frauen

von Friedel Bott
Ulrike Claudia Tscharre, Schauspielerin  Sie spielte die Marion Beimer in der "Lindenstraße" - es folgten "Tatort", andere Serien, Filme - und Hörbücher.

Ulrike C. Tscharre kam 1972 zur Welt und wuchs in einem schwäbischen Dorf mit 3.000 Einwohnern auf. Das "C" steht für "Claudia" und macht den sehr seltenen Namen etwas weniger sperrig und - einprägsam. Sie studierte Deutsch und Englisch und ließ sich ab 1996 an der Ulmer Akademie für Darstellende Kunst zur Schauspielerin ausbilden. Dass sie diesen Ausbildungsgang nicht zu einem offiziellen Ende brachte, hat ihrer Karriere nicht geschadet. Sie spielte zunächst Theater in Stuttgart und Bregenz und nahm Rollen in Kurzfilmen an. Dann konnte man sie ebenfalls kurz in der ARD-Serie "Verbotene Liebe" sehen, genau eine Folge lang: das Drehtempo war ihr zu schnell. Was man - auch heute noch - dem werbebegleitenden Produkt ansieht.

Marion Beimer - der "sanfte Liebesengel"

Als man im Casting-Büro der "Lindenstraße", der erfolgreichsten deutschen Soap, übereinkam, die Rolle der Marion Beimer nach zehn Jahren neu zu besetzen, wurde Ulrike C. Tscharre ausgewählt. Sie lebte inzwischen in Köln, dort wo die auf München getrimmte Serie seit Dezember 1985 gedreht wird, und wurde zum "sanften Liebesengel", wie es klischeebeladen im "Express" hieß, der sich "im Herzschmerz-Kampf zwischen zwei Männern entscheiden muss". Offenbar die richtige Wahl, denn die Zuschauerzahlen stiegen. Nach 38 Folgen war es für sie genug.

Karneval und schöne Frauen

Wer in Köln wohnt, liebt den Kölner Karneval, das ist wahrscheinlich ein Kölner Grundgesetz - neben den zentralen Thesen: "Et hät noch immer jot jejange" und "Jede Jeck es anders". Nicht für Ulrike C. Tscharre. Obwohl sie schon sehr früh den Drang hatte, sich "zu verkleiden und in eine andere Haut zu schlüpfen", ist ihre Meinung zum Karneval geradezu hanseatisch: "Um Gottes Willen, zwischen dieser Art des Frohsinns und mir besteht keine intensive Herzensbeziehung." ("Express")

"Bienzle und der Tag der Rache" war 2001 der erste "Tatort", in dem sie mitspielte. 2004 folgte ein Kinofilm mit dem Titel "Schöne Frauen", Debüt des deutsch-indischen Autors und Regisseurs Sathyan Ramesh. Er schrieb und inszenierte seinen Film für fünf (schöne) Schauspielerinnen, mit denen er befreundet ist: Clelia Sarto, Julia Jäger, Floriane Daniel, Caroline Peters und - Ulrike C. Tscharre. Ebenfalls zu sehen: die damals noch weitgehend unbekannte Ina Müller. "Schöne Frauen" ist ein wunderbarer Spielfilm, der nun endlich auch wieder als DVD zu bekommen ist (WVG Medien): Fünf (schöne) Frauen hoffen, bei einem Casting für eine Rolle ausgewählt zu werden und verlassen gemeinsam den unwirtlichen Ort, um sich anzufreunden. Ein sensibler, emotionaler (und intelligenter) Film über das Leben mit fünf bemerkenswerten Darstellerinnen - einer der besten deutschen Filme der letzten Jahre und mehrfach ausgezeichnet. Unglaublich eigentlich, dass er - bislang - immer noch ein Insidertip zu sein scheint. Auch Rameshs Film "Letzter Moment" (Ulrike C. Tscharre an der Seite von Matthias Habich) aus dem Jahr 2009 hat ungerechtfertigter Weise ein viel zu kurzes abendliches Arte-Dasein geführt.

Über den Umgang mit Schusswaffen und Serien

Inzwischen wohnt Ulrike C. Tscharre in Berlin und "hofft auf eine Dachterrasse", wie sie auf ihrer Homepage vermerkt.  Dort ist sie übrigens verblüffend offen: Sie sei seinerzeit in Köln nach "ihrem ersten Drehtag fürs Fernsehen (…) entsetzt" gewesen und habe "damit nie wieder etwas zu tun haben" wollen. Eine Einschätzung, die lediglich ein halbes Jahr anhielt und dennoch ihre grundlegende Skepsis verdeutlicht.

In vielen TV-Produktionen war sie seitdem zu sehen: Pfarrer Braun, Der Dicke, SOKO Köln, Flemming; und immer wieder engagierte man sie für den "Tatort" zum Beispiel mit dem längst pensionierten Kommissar Bienzle oder für einen Münster-"Tatort" ("Herrenabend", 2011), in dem sie als Steuerfahnderin mit Dutt und Brille Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) in die gestörte Selbstwahrnehmung treibt. Kurz davor entstand Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens", eine außergewöhnliche zehnteilige Krimi-Serie, die im Berliner Mafia-Milieu spielt. "Ein Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte." ("Die Zeit") Ulrike C. Tscharre, die Waffen verabscheut, hat für ihre Rolle einer korrupten Polizistin eigens den Umgang mit Schusswaffen erlernt. - Ihre Darstellung in "Er sollte tot", einer Folge aus der Reihe "Polizeiruf 110", trug mit dazu bei, dass die Produktion den Adolf-Grimme-Preis erhielt. Erstaunlich, dass die Qualität ihrer Arbeit sich bislang nicht in mehr Preisen niedergeschlagen hat.

Hilfe! Hochzeit!

Das Schicksal auch besserer Fernseh-Produktionen ist häufig, nach der Ausstrahlung im Archiv vergeblich auf eine Eingebung der Programm-Verantwortlichen zu hoffen. Für Filme auf SAT 1 zum Beispiel gilt das auf eine ganz bedrückende Weise: "Hilfe! Hochzeit!" ist eine sehr kurzweilige Comedy-Serie aus dem Jahr 2007, die die Blockbuster-Werbeblöcke lange hinter sich gelassen hat und nun geradezu unschuldig immerhin als DVD zu bekommen ist (Sony BMG). Ulrike C. Tscharre spielt darin eine Frau, die noch sieben Tage hat, um geheiratet zu werden, und zwar von "Joachim", einer Figur, die der Toupet-beladene Christoph Maria Herbst darstellt, die aussieht wie der junge Stromberg. "Die schlimmste Woche meines Lebens" - so der Untertitel des Siebenteilers - macht deutlich, dass Ulrike C. Tscharre auch herausragend Komödie spielen kann.

Kein Talent zur Diva

Ein weiterer Höhepunkt in ihrer Filmarbeit: "Lösegeld", ein TV-Film von Stephan Wagner - "letztlich eine alte Geschichte, die von der Liebe unter schwierigen Umständen" erzählt. ("Süddeutsche Zeitung") "Schön", so schrieb der "Tagesspiegel", der die Weichspülung in deutschen Krimis beklagt, "wenn das der Anfang einer drastischen Krimireihe wäre."

In einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" gab sie 2010 Auskunft zum Thema Eitelkeit: "Ich bin total bodenständig, auf dem Land aufgewachsen, das Talent zur Diva fehlt mir. Wobei ein bisschen Diva vielleicht gar nicht so schlecht wäre."

Linda Wallander und andere Hörbücher

Ulrike C. Tscharre hat in den vergangenen Jahren zahllose Hörbücher eingelesen und an Hörspielen teilgenommen. Beim Hörverlag gibt es derzeit zwei Boxen mit Hörspielen von Henning Mankell: Axel Milberg ist der Kommissar, Ulrike C. Tscharre seine Tochter Linda, die ebenfalls bei der Polizei arbeitet; Andreas Fröhlich ist der Erzähler. Darüber hinaus ist sie die Stimme für eine Reihe von Hörbüchern für Jugendliche; darunter die bewegende Geschichte "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis und Jutta Wilkes "Holundermond" (beide: Igel Records).

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Treffpunkt Hamburg | 14.08.2012 | 19:05 Uhr

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