Schalten Sie ein!
Hier hören Sie jederzeit das aktuelle Programm von NDR 90,3.
Audio-Stream starten
Schauspielerin, Sängerin und Autorin: Andrea Sawatzki ist zu Gast bei NDR 90,3.
Ihre Jugend verlief kompliziert: Andrea Sawatzki, geboren 1963, pflegte fünf Jahre lang ihren Vater, der an Alzheimer erkrankt war. In einem Gespräch mit der Zeitschrift "Emotion" sagte sie dazu: "Ich bin heute dankbar für die Erfahrungen, die ich als Kind gemacht habe. Das schärft den Blick. (…) Früher war die Krankheit noch nicht salonfähig, wenn Sie so wollen. Man musste allein damit klarkommen." Als ihr Vater, der Journalist war, starb, war Andrea Sawatzki 13 Jahre alt.
Ihr Studium absolviert sie an der Neuen Münchener Schauspielschule. In diese Zeit fallen ein paar Gelegenheitsjobs wie das naheliegende Synchronisieren erotischer Lichtspiele. "Für jeden 'Take', also für jedes Stöhnen, bekam ich fünf Mark und als Antrittsgeld 50 Mark", verriet sie 2003 der "Brigitte". - Nach einem Praktikum an den Kammerspielen übernahm Andrea Sawatzki ab 1988 Theater-Engagements in Stuttgart und Wilhelmshaven. Im gleichen Jahr erhielt sie von Regisseur Dieter Dorn ihre erste Filmrolle: "Faust - Vom Himmel durch die Welt zur Hölle".
Eigentlich hätte es nun für sie ständig aufwärts gehen müssen. Doch die Rollen, die man ihr anbot, waren Nebenrollen: im "Tatort" - drei Mal -, im "Polizeiruf 110" - zwei Mal -, in der TV-Serie "A. S. - Gefahr ist sein Geschäft", gemeinsam mit dem späteren "Tatort"-Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) - 29 Folgen. 1994 erhielt sie sogar eine Hauptrolle in "Das Schwein - Eine deutsche Karriere", aber eben an der Seite von Götz George; er spielte das "Schwein". Andrea Sawatzki wurde von der Kritik vielfach gelobt. Doch von Kritiken, so hat es die "Hörzu" formuliert, "ist noch keiner berühmt geworden. (…) Sie gehörte zum Inventar, zum unendlichen Reservoir der Mittelprächtigen, die das Fernsehen braucht, aber nicht achtet. Das kann verletzen, wenn man weiß, dass man gut ist."
Schon lange ein glückliches Paar: Andrea Sawatzki und Christian Berkel.
Ende der 1990er-Jahre begann ihre persönliche Wende - beruflich wie privat. Sie lernte den erfolgreichen Kollegen Christian Berkel kennen; er wurde schnell ihr "Lebensmensch". Inzwischen haben die beiden zwei Kinder, und besonders der Kinder zuliebe haben die beiden 2011 sogar geheiratet, ohne dass die Familie davon steuerliche Vorteile hätte.
1997 spielte Andrea Sawatzki gleich in vier bemerkenswerten Filmen: in Katja von Garniers "Bandits", in "Das Leben ist eine Baustelle" von Wolfgang Becker, "Die Apothekerin" nach Ingrid Noll und in Dieter Wedels Sechsteiler "Der König von St. Pauli". Es waren immer noch kleinere Rollen, aber solche, die zunehmend auffallende Ereignisse waren und sich nun auch beim Publikum einprägten. Bis sie 2002 in den festangestellten Polizeidienst beim Frankfurter "Tatort" ging, gab es einige schmerzliche Phasen: "Wenn man seine Demo-Videos verschickt, für die man hart gespart hat, und trotzdem keine Angebote bekommt. Aber ich habe immer weitergekämpft, damit mich die Leute überhaupt wahrnehmen. Ich habe mich mit Eintags-Fernsehrollen hochgearbeitet. Das war sehr mühsam und langwierig. Aber trotz aller Härte und (allem) Schmerz fand ich die Zeit auch wichtig." (Funk Uhr)
Schauspielerin Andrea Sawatzki als "Tatort"-Kommissarin Charlotte Sänger im Einsatz.
Was viele Schauspieler in Deutschland adelt - die Rolle eines "Tatort"-Kommissars bzw. einer -Kommissarin -, rief bei Andrea Sawatzki zunächst Skepsis hervor, bis sie die Chancen erkannte. Der "Stern" schrieb: "Die Rolle der verhuschten Ermittlerin, die ihre Einsamkeit wie einen schützenden Mantel trägt, die am Leben leidet und das Böse dennoch mit leiser, entschlossener Wut bekämpft, weil der Beruf ihr Rettungsanker ist, hat Andrea Sawatzki mit entwickelt." 2010 quittierte sie den - im Ersten - hochangesehenen Polizeidienst. Inzwischen ist sie längst eine der bekanntesten und zugleich auffälligsten Schauspielerinnen des Landes: Sommersprossen, lange rote Haare, "eisblaue" (oder doch vielleicht: blau-grüne?) Augen.
Sie trat als Pamela Wedekind in Heinrich Breloers fantastischem Dreiteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (2001) auf; erneut bei Dieter Wedel - in "Die Affäre Semmeling" (2002). Oder in dem Aschenputtel-Märchen "Küss mich, Kanzler!" (2004) als kasachische Putzfrau - an der Seite von Robert Atzorn.
Kritiker lobten die Schauspielerin schon immer - es dauerte jedoch, bis sie richtig bekannt wurde.
Es gab Produktionen, an denen ihr Herz ganz besonders hing: "Helen, Fred und Ted" (2006) zum Beispiel, eine herausragende Psychotherapeutenkomödie mit bisweilen tragischen Zügen; in den anderen Hauptrollen: Friedrich von Thun und Christian Berkel. "Die Kritiker haben sich vor Lob überschlagen, trotzdem wurden keine weiteren Folgen gedreht – angeblich wegen zu niedriger Quoten. (…) Gerade die öffentlich-rechtlichen Sender haben schließlich auch die Pflicht, ihr Publikum intellektuell zu bereichern." (Emotion) Erfolgreicher – auch quotenmäßig – war die überaus sehenswerte Mini-Serie "Klimawechsel" von Doris Dörrie, in der Andrea Sawatzki eine Künstlerin darstellt, die - erfolglos - als Kunstlehrerin arbeitet und (als wäre das nicht schon schlimm genug) vom Kindesvater, der zeitweilig als Yoga-Lehrer auftritt, ständig betrogen wird.
Eine andere wunderbare Rolle hat Andrea Sawatzki 2010 gefunden: "Bella Vita", für die sie den Bayerischen Filmpreis erhielt. Nicht ihr einziger Preis übrigens: 2005 gab es den Grimme-Preis für den "Tatort – Herzversagen"; zudem den Hessischen Fernsehpreis, den Deutschen Vorlesepreis und einiges andere. Inzwischen gibt es "Bella Australia" (2012), ebenfalls unterhaltsam auf nennenswertem Niveau. Weitere Folgen sind fest geplant für 2014.
In die gleiche Zeit fällt übrigens auch ihre Mitwirkung in der umstrittenen und wohl auch deshalb erfolgreichen ZDF-Serie "Borgia"; umstritten vor allem, weil frühere Päpste nicht eben Vorkämpfer des Zölibats waren. Was aber historisch belegbar ist.
Als sie den "Tatort" anderen überließ, nannte sie es: einen "Ausflug in meine Urängste, jetzt ist es aber gut." (taz) Grundsätzlich merkte Andrea Sawatzki an: "Möglicherweise möchte das Publikum nichts Radikales. Lieber hat es Schmus und Schmand. Die Deutschen scheinen es zu mögen, das Harmlose. Manche mögen Filme, bei denen man zwischendurch was anderes machen kann. Sich unterhalten. Das geht bei anspruchsvollen Filmen nicht. Fernsehen ist oft nur Geräuschkulisse. (…) In Deutschland gibt es meist nur Klamauk, und der ist nicht lebensbedrohlich." (taz)
Das Romandebüt der Schauspielerin: "Ein allzu braves Mädchen"
Nun hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, einen Roman, genau genommen einen Psycho-Krimi: "Ein allzu braves Mädchen" (Piper Verlag) In der "Süddeutschen Zeitung" heißt es leicht genervt, aber durchaus präzise: "Wenn ein Roman erscheint, gibt es das Ritual, dass der Autor jeden persönlichen Bezug zum Buch brüsk zurückweist. Nein, die Kunst imitiert nicht das Leben mit all seinen Banalitäten, Eitelkeiten und Rückschlussmöglichkeiten." Zwischen dem Leben Andrea Sawatzkis und dem Buch "Ein allzu braves Mädchen" gibt es eine Fülle von Parallelen oder Ähnlichkeiten, und doch merkt die Autorin zu Recht an: "Ich weiß, wovon ich schreibe. Aber dieser Roman ist keine Autobiografie." (Bunte)
Mit dem Schreiben des ersten Romans ist es bei Andrea Sawatzki aber nicht genug. Weitere Stoffe bewegt sie bereits in ihrem Kopf. Doch es gibt noch ein weiteres Feld, auf dem sie erfolgreich ist: Endlich löst Andrea Sawatzki das ein, was sie - so sagt es die PR als Zitat - Christian Berkel "in der Hochzeitsnacht versprechen musste: Weitermachen mit dem Singen." Dieser Liederabend sei ein Liebesbeweis an ihren Mann. Und an ihr Publikum. Eine Hochzeitsnacht, die ein wenig an Carl Friedrich Gauß erinnert: Er unterbrach die Hochzeitsnacht, weil ihm einfiel, wie man Messfehler der Planetenbahnen korrigieren konnte.
Mit ihrem Liederabend "Irgendwas ist immer" wird sie in den nächsten Monaten durch Deutschland reisen.
Andrea Sawatzki ist eine jener Schauspielerinnen, die auch dann zu überzeugen vermag, sobald sie ausschließlich ihre Stimme einsetzt. Die Zahl der Bücher, die sie zum Hörbuch gemacht hat, dürfte bei vier bis fünf Dutzend liegen. Oder sogar sechs oder sieben. Man müsste nachzählen.
Andrea Sawatzki war am 10. April zu Gast bei Friedel Bott.
Der Treffpunkt Hamburg bietet Ihnen von Dienstag bis Freitag ab 20.05 Uhr ausführliche Informationen zu einem Thema. Wir berichten über aktuelle, politische und kulturelle Ereignisse aus Hamburg, bieten Ihnen die Gelegenheit, Politiker selber zu befragen und mit Künstlern ins Gespräch zu kommen. Wir stellen Ihnen neue Bücher und Hörbücher vor, ebenso wie Menschen aus Hamburg und ihre spannenden Geschichten. Wir spielen Spiele mit Ihnen, präsentieren neue Musiktrends und bieten Ihnen in unseren zahlreichen Ratgeber-Sendungen die besten Experten für die Beantwortung Ihrer Fragen. Unsere monatlichen Servicethemen: Essen und Trinken, Reise, Gesundheit, Rente, Tiere und Pflanzen.