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Als "Tatort"-Kommissarin kennen sie viele, doch Eva Mattes hat in ihrer 45-jährigen Karriere weit mehr gespielt. Sie ist zu Gast bei NDR 90,3.
Für viele ist Eva Mattes, geboren 1954, wahrscheinlich nur die "Tatort"-Kommissarin vom Bodensee, eine Figur, die sie seit 2002 bundesweit populär gemacht hat. Aber Klara Blum aus Konstanz ist in Eva Mattes' künstlerischem Leben dennoch eher ein Nebenprodukt, das ihr aber, wie sie offen zugibt, die Säle füllt, wenn sie Lesungen macht, rezitiert, plaudert oder singt.
Ihre Anfänge sind legendär, aber weithin unbekannt: Mit zwölf hatte sie ihren ersten Auftritt in einem Fernsehfilm, im gleichen Alter wird sie die deutsche Stimme von Timmy - 250 Folgen lang an der Seite von Lassie, dem wohl berühmtesten Hund der Welt. Die gleichaltrigen Jungs waren eben alle im Stimmbruch.
Auch Pippi Langstrumpf kam nicht ohne die kleine Evi aus, wie sie damals noch genannt wurde: Im Spielfilm spricht sie Tommy, den Bruder von Annika, in der TV-Serie leiht sie der Hauptfigur die Stimme - und sie sang das heute noch bekannte Anfangslied. In ihren Erinnerungen schreibt Eva Mattes, viele Leute seien sehr überrascht, wenn sie das hörten: "Ich sei damit Teil ihrer Kindheit, sagen sie, und ob ich denn das Lied noch singen könne. Wenn ich gut drauf bin, trällere ich es ihnen gleich vor." ("Wir können nicht alle wie Berta sein", Ullstein 2011)
Um die Hauptrolle mit der damals 15-jährigen Eva Mattes nicht mit einer blauäugigen blonden Mitbewerberin zu besetzen, schrieb Regisseur Michael Verhoeven das Drehbuch zu seinem Film "o.k." um. 1970 wurde die Parabel auf das Massaker von My Lai auf der Berlinale aufgeführt. Publikum und Jury waren gespalten. Die Vorgänge um den vermeintlich antiamerikanischen Film, die am Ende zum einmaligen Abbruch des Filmfestes führten, sind bis heute "äußerst undurchsichtig" (Stefan Volk: "Skandalfilme", Schüren 2011). Ein Jahr später meldet die Münchener "Abendzeitung": "Eva Mattes, ausgezeichnet als hervorragende Nachwuchsschauspielerin mit dem Bundesfilmpreis in Gold für 'o. k.' und 'Mathias Kneißl'." 1973 erhielt sie erneut das Filmband in Gold - unter anderem für den umstrittenen Film "Wildwechsel". Autor Franz Xaver Kroetz warf Regisseur Rainer Werner Fassbinder vor, er habe "Pornografie mit sozialkritischem Touch" gedreht, und versuchte, die Aufführung zu verhindern.
An der Seite von Ulrich Wildgruber spielte Eva Mattes 1976 in "Othello" im Deutschen Schauspielhaus.
Das Deutsche Schauspielhaus an der Hamburger Kirchenallee wurde für Eva Mattes zu einer zentralen Station ihrer Arbeit: "Stallerhof", ebenfalls von Kroetz, war im Sommer 1972 ein ungeahnter Erfolg. In ihren Erinnerungen heißt es dazu: "Es gab viele sensationell gute Kritiken, wie man sie vielleicht nur einmal im Leben bekommt. Die aus der 'Süddeutschen Zeitung' von Reinhard Baumgart tat mir besonders gut, es war geradezu eine Hymne. Ich schnitt sie aus, steckte sie zusammengefaltet in meine Brieftasche und trug sie eine Zeitlang immer bei mir. Wenn es mir schlechtging, wenn ich mich sehr unsicher fühlte, zog ich sie heraus und las sie." Der Skandal bestand darin, dass die 18-Jährige geraume Zeit nackt auf der Bühne spielte. Vier Jahre später der nächste und bislang wohl größte Theaterskandal der Republik. Neben Eva Mattes als Desdemona ist diesmal Ulrich Wildgruber beteiligt - als schwarzer schwitzender Othello in der Inszenierung von Peter Zadek. Hingemeuchelt hängt Desdemona am Ende des Stücks über der Wäscheleine.
Über das Schauspielhaus sagte sie, sie sei dort "erwachsen geworden". "Nirgendwo fühle ich mich so zu Hause wie dort." (Hamburger Abendblatt)
Es scheint, als habe Eva Mattes immer alles erreicht, was sie sich vorgenommen hat: Schauspielerin war ihr erster und einziger Berufswunsch, den sie mit großem Talent und spürbarer Begeisterung seit nunmehr 45 Jahren ausübt. Zahllose Theaterinszenierungen und mehr als 200 Kino- und TV-Filme sind es bisher. Regelmäßig wurden ihr Preise verliehen: In Cannes 1979 wurde sie für "Woyzeck" als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Regisseur Werner Herzog, Vater ihrer Tochter Hanna (geboren 1980), hatte gehofft, Hauptdarsteller Klaus Kinski würde einen Preis erhalten. - Den Bayerischen Filmpreis gab es für "Celeste", den Deutschen Filmpreis in Gold für ihre Darstellung der "Frau Rotkohl" in "Das Sams". 2012 kam das Sams schon zum dritten Mal in die Kinos - Titel: "Sams im Glück".
Eva Mattes lebt mit dem Künstler Wolfgang Georgsdorf in einem Haus in Berlin - in getrennten Wohnungen. Der gemeinsame Sohn Josef kam 1989 zur Welt. Mit beiden Kindern hat die Mama bereits zusammengespielt. Josef scheint beruflich einen ähnlichen Weg zu gehen wie die Mutter.
Die "FAZ" hat Eva Mattes einmal als "stille Königin der Vorleser" bezeichnet. Das ist nicht übertrieben, denn auch in diesem Bereich ist es sehr schwierig, sich aufgrund der Fülle von Aufnahmen einen Überblick zu verschaffen. Auffällig dabei viele Klassiker aus dem englischen Sprachraum: Jane Austen und Emily Bronte mit ihren bedeutendsten Romanen, aber auch moderne Autoren: Siri Hustvedt, Javier Marías, Isabel Allende, Charles Lewinsky und viele andere. Bei der Neuübersetzung von "1001 Nacht" ist sie eine der Vorleserinnen, aber auch bei einem gleichnamigen umfangreichen Hörspiel spielt sie mit.
Eva Mattes war am 16. Januar zu Gast bei Friedel Bott.
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