Fit fürs Leben

Lässt sich Gelassenheit lernen?

von Silke Lange

Silke Lange hat die Gäste ihrer Sendung im Vorab-Interview zu den Ursachen von Stress und möglicher Abhilfe befragt.

NDR 90,3: Gestresst zu sein scheint für viele im Job und im Alltag Normalität zu sein. Aber was genau macht diesen Stress aus?

Michael Merks, Trainer und Coach © Michael Merks Detailansicht des Bildes Michael Merks Michael Merks: Stress ist eine Art automatisierte Reaktion auf eine als belastend empfundene Situation. Das kann Lärm sein, Hitze oder auch Hunger ebenso wie Zeitdruck oder Überforderung und Konkurrenzdruck bei der Arbeit, der Streit mit dem Partner, das Geschrei der Kinder, der cholerische Ausbruch eines Kollegen oder die verspätete Bahn am Morgen. Aber auch der bloße Gedanke an den Verlust des Arbeitsplatzes oder die zu geringe Rente können Stress auslösen.

Dr. Simone Meller: Der Körper reagiert dann wie auf eine reale Bedrohung durch Feinde und bereitet sich auf Kampf oder Flucht vor und schüttet Stresshormone aus, die uns zu Höchstleistungen befähigen. Das kann in Prüfungen und anderen besonderen Belastungssituationen sehr nützlich und positiv sein. Wird unser Körper allerdings dauerhaft mit diesen Stresshormonen überschüttet, werden wir krank. Die Folge sind zum Beispiel Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Gereiztheit, sorgenvolles Grübeln, hektisches Essen oder der Griff zu Alkohol und anderen Drogen. Das alles sind Stresssymptome, nicht die Ursachen. Es sind aber Warnzeichen dafür, dass etwas in unserem Leben nicht stimmt.

NDR 90,3: Und was sind die Ursachen?

Dr. Simone Meller, Psychologin und Unternehmensberaterin © Simone Meller Detailansicht des Bildes Simone Meller Meller: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Wer zu mir kommt und sich über Stress in seinem Leben beklagt, erhält erstmal den Tipp genauer hinzufühlen. Was genau ist gerade los mit mir? Worüber habe ich mich geärgert? Häufig beruhigen sich Gefühle bereits dadurch, dass wir sie wahrnehmen, zulassen und auf das achten, was sie uns sagen wollen.

Merks: Oft ist es eben gar nicht der Ärger bei der Arbeit oder der Verkehrsstau, der den Stress verursacht, sondern wie wir selbst diese Geschehnisse beurteilen oder auch welche Erwartungen wir an uns selbst haben. Wenn ich meine, perfekt sein zu müssen, macht mir jeder kleine Fehler Angst und ich werde Stressreaktionen zeigen.

Meller: Um das zu ändern, muss ich mir diese Angst zunächst einmal eingestehen und sie zulassen. Das ist für die meisten nicht leicht. Über Angst oder andere unangenehme Gefühle zu sprechen, berührt gesellschaftliche Tabus. Da ist es einfacher und auch gesellschaftsfähiger, ja manchmal fast schon ein Statussymbol, über zu viel Stress zu klagen.

NDR 90,3: Es gibt Menschen, die scheinen nie in Stress zu geraten. Auch unter Druck reagieren sie gelassen. Ist das eine vererbte Anlage oder lässt sich Gelassenheit lernen?

Meller: Das ist nicht nur Veranlagung, sondern vor allem in der Kindheit gelernt. "Sei perfekt, streng dich an! Sei stark und jammere nicht!" - Wer solche Botschaften als Kind verinnerlicht hat, wird immer zu hohe Erwartungen an sich selbst und oft auch an andere haben und auf Belastungen, Fehler und Pannen mit Stress reagieren. Aber man kann lernen, gelassener zu werden. Mit Hilfe eines Coachings oder einer Therapie kann jeder seine Persönlichkeit weiterentwickeln.

Merks: Die stärkste Kraft, um mehr Gelassenheit zu gewinnen, können wir selbst auf mentaler und körperlicher Ebene entwickeln. Zum Beispiel indem wir lernen, unsere Gedanken und Gefühle gezielt zu steuern und so wegkommen von negativen Selbstbildern hin zu positiven. Ein Schlüssel kann auch sein, sein Selbstwertgefühl zu stärken. Bewusst trainieren kann man außerdem, Ruhe und Gelassenheit körperlich zu erleben, durch Ausdauersport wie Joggen oder Walken. Das baut die Stresshormone ab. Sehr hilfreich auf dem Weg zu mehr Gelassenheit sind auch Entspannungstechniken oder Meditation.

NDR 90,3: Was heißt Gelassenheit genau?

Meller: Gelassenheit hat mit Zulassen und Loslassen zu tun. Das bedeutet Geschehnisse, Gefühle mit einem gewissen Gleichmut anzunehmen, es auszuhalten, nicht immer alles unter Kontrolle haben zu können oder perfekt sein zu müssen. Wenn ich unter Druck bin, hilft es mir, darauf zu vertrauen, dass es bestimmt eine Lösung gibt, auch wenn ich sie gerade noch nicht sehe.

Merks: Es ist der Verzicht auf den Anspruch, alles schaffen zu müssen. Viele Ziele lassen sich leichter erreichen, wenn man lernt, locker zu lassen und seinen übertriebenen Ehrgeiz zu zügeln. Oder statt sich mit "Multitasking" zu überfordern, sich auf jede einzelne Aufgabe wirklich zu konzentrieren.

NDR 90,3: Hört sich so einfach an, aber die Anforderungen im Job und auch im Alltag sind hoch. Wie kann ich trotzdem lernen, gelassener zu werden?

Meller: Ein Beispiel: Eltern, die morgens vor der Arbeit ihre Kinder, "noch schnell" in den Kindergarten bringen und dabei "Stress" erleben - zum Beispiel Ärger auf das Kind, weil es trödelt, oder Angst, selbst zu spät zu kommen - denen rate ich eine viertel Stunde eher loszugehen. Dabei sollen sie den Weg nicht als schnell abzuhakende Pflicht sehen, sondern als Einladung, das Leben mit den Augen eines Kindes zu genießen. Einem Marienkäfer das Leben zu retten, einen großen Kran zu bewundern oder ein bisschen zu toben. Ein solcher Morgenspaziergang vermittelt Ruhe und Kraft für den ganzen Tag - und das nur zum Preis von 15 Minuten mehr Zeit!

Merks: Eine neue Sichtweise einzunehmen, sich die alten Probleme aus einer anderen Perspektive anzuschauen, kann schon viel bewirken. Auf Dauer kann man so eine gelassenere Einstellung zum Leben entwickeln. Kurzfristig hilft es auch, sich bewusst auf etwas Schönes zu konzentrieren, statt immer weiter um die negativen Gedanken und Gefühle zu kreisen. Sehr wirksam ist auch, sich in Stresssituationen gezielt an frühere positive Erfahrungen zu erinnern, zum Beispiel wie man in der Vergangenheit schwierige Situationen gemeistert hat.