Sendedatum: 14.11.2017 10:00 Uhr

"Mama, warum ist der Mann denn so klein?"

Michel Arriens ist Blogger, Fotograf, Filmer und Aktivist. Und er ist kleinwüchsig. Im Interview spricht der 27-Jährige über sein Leben und was der Inklusion im Wege stehen kann.

Wie würden Sie sich jemandem beschreiben, der Sie nicht sieht?

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Michel Arriens engagiert sich als Aktivist für Inklusion und gegen Diskriminierung.

Michel Arriens: "Ich bin blond, ich habe einen Bart, habe mir gerade die Haare schneiden lassen und ich bin kleinwüchsig. Und ich bin mit einem Roller unterwegs."

Kleinwüchsig bedeutet? Wie groß sind Sie?

Arriens: "Ich bin ungefähr 1,18 Meter groß, je nachdem ob ich mich strecke oder lange Haare habe" (lacht)

Wie begegnen Ihnen Menschen auf der Straße?

Arriens: "Es kommt immer so ein bisschen darauf an, ob sie mich kennen oder nicht. Wenn mich fremde Menschen sehen, gucken sie mich natürlich erst einmal an. Das ist natürlich okay. Es gibt aber auch Menschen, die mich anstarren. Das ist dann alles andere als okay."

Wenn Ihnen Kinder begegnen, stellen die Ihnen Fragen?

Arriens: "Die Fragen kommen meist nicht sofort, da die Berührungsängste recht groß sind. Viele Kinder fragen dann ihre Eltern: 'Sag mal Mama, warum ist der Mann denn so klein?' Und dann gehe ich meist auf die Kinder zu. Denn bei Kindern ist es ja in erster Linie eine gewisse Neugierde. Ich möchte die Barrieren abbauen und erkläre dann, warum ich klein bin und warum ich mit einem Roller fahre. Das ist für die Kinder dann meistens vollkommen in Ordnung. Dann sage ich Ihnen noch, dass es ja völlig langweilig wäre, wenn wir alle gleich wären. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder wegziehen und sagen 'guck da nicht hin'. Das finde ich nicht gut. Denn die Neugierde der Kinder löst ja auch Barrieren auf. Und wenn die Kinder keine Fragen stellen, dann bekommen sie auch keine Antworten."

Wie sieht es mit Erwachsenen aus - konfrontieren die Sie auch mal?

Arriens: "Erwachsene kommen auch manchmal auf mich zu und fragen zum Beispiel, was es bedeutet, kleinwüchsig zu sein. Das finde ich in Ordnung. Es kommt dabei aber immer auf die Frage an. Es gibt auch Menschen, die mich fragen, ob ich Sex haben kann, auf offener Straße. Das ist dann schon sehr übergriffig. Ich sage dann auch, dass das niemanden etwas angeht."

Michel Arriens zu Gast im Studio von NDR 90,3 bei Jacqueline Heemann © NDR

Michel Arriens: "Ich habe viel erreicht"

NDR 90,3 -

Michel Arriens setzt sich für die Inklusion ein. Von Widrigkeiten lässt er sich nicht entmutigen, im Gegenteil. Er kämpft für ein selbstbestimmtes Leben.

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Sie haben vor einigen Monaten ja auch ein anderes, sehr unangenehmer Erlebnis gehabt. Sie wurden eines HVV-Busses verwiesen, weil Ihr Roller als Sicherheitsrisiko eingestuft wurde. Was ist da genau passiert?

Arriens: "Das Problem war, dass der Busfahrer meinen Roller als E-Scooter eingestuft hat. Und für E-Scooter gibt es neue Bestimmungen. Mein Roller ist aber kein E-Scooter. Die Angst des Busfahrers war, dass ich bei einem Bremsmanöver durch den Bus fliegen könnte. Was völlig utopisch ist, da der Rollstuhlfahrer-Platz im Bus so ausgerichtet ist, dass man bei einer Vollbremsung an eine Wand gedrückt wird."

Sie mussten dann den Bus verlassen. Wie war das für Sie?

Arriens: "Ich wünsche das niemanden. Ich habe über Social Media einen reichweiten-starken Kampf gegen die Hochbahn geführt. Und habe gesagt, dass es das Schlimmste ist, was man einem Menschen antun kann, ihn seiner Mobiliät zu berauben. Für Menschen mit Behinderung ist es noch schlimmer. Aber die Hochbahn und ich konnten sehr schnell zusammenfinden. Sie bestätigten mir, dass mein Roller kein Sicherheitsrisiko ist. Seitdem bin ich mit der Hochbahn sehr eng im Gespräch und habe, meine ich, viel erreicht, auch für Menschen, die ein ähnliches Hilfsmittel haben wie ich. Die Hochbahn hat mir versichert, dass es kein Problem mehr ist, den Roller in der Hamburger Hochbahn mitzuführen."

Sie haben natürlich auch anderes bewirkt: zum Beispiel, dass Menschen ohne Behinderung aufmerksam wurden, welche Probleme dadurch entstehen können.

Arriens: "Die Solidarität in der Gesellschaft war einfach Wahnsinn. Es wurde auch das erste Mal in ganz Deutschland darüber berichtet. Über die Barriere, sowohl in den Köpfen als auch in der Realität und im Alltag von Menschen mit Behinderungen, also im speziellem auch von mir, einem kleinwüchsigen Menschen."

Herzlichen Dank für Ihren Besuch und das Gespräch. Weiterhin alles Gute für Sie!

Das Interview führte Jacqueline Heemann

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 14.11.2017 | 10:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/903/Inklusion-Leben-mit-Behinderung,inklusion450.html